Ein Kommentar von Kerstin Müller
Während in Berlin und anderswo in der Republik die antisemitischen Demos mit ihren Schlachtrufen „From the river to the sea“ und ihrer Glorifizierung der Terrorgruppe Hamas als „legitime Freiheitskämpfer“ nicht abreißen, begebe ich mich am 8. November 2025 auf eine Zeitreise an den eigentlichen Schauplatz des Nahostkonfliktes, nach Israel und in die palästinensischen Gebiete.
Ich kenne die Region ganz gut, habe einige Jahre dort gelebt und gearbeitet. Das war vor dem 7. Oktober 2023 – dem schrecklichen Terrorattentat der Hamas auf Israel, bei dem 1200 Menschen brutal ermordet und 240 Geiseln genommen wurden. Zwei Jahre ist das her, die Israel verändert haben. Auch der zweijährige Krieg gegen die Hamas in Gaza hat nach Angaben der Hamas 60 200 Tote zur Folge gehabt – worunter mehrere Tausend Kämpfer sein sollen. Viel schwieriger noch als die tatsächlichen Zahlen auszumachen, sind aber die Traumata auf beiden Seiten. Der Riss zwischen beiden Gesellschaften, wie auch das Misstrauen und – ja auch der Hass, scheinen noch tiefer, als zuvor. Anat Kurz, eine Expertin des INSS (Israelisches Institut für nationale Sicherheit), sagt in einem Gespräch, dass es wohl ein oder gar zwei Generationen dauern wird, diese Einstellungen wieder zu verändern.
08.11.2025 – Platz der Geiseln Tel Aviv
Nach meiner Ankunft nehme ich am Samstagabend, dem 8. November, mit meinen israelischen Freunden an der Kundgebung auf dem Platz der Geiseln im Herzen von Tel Aviv teil. Der ehemalige Museumsplatz ist nun zum Gedenkort für die Überlebenden und Toten des Massakers geworden. Überall hängen an den Bäumen Briefe an die Verschwundenen, auf einem Klavier wird abwechselnd gespielt, viele singen mit. Künstler haben einen Tunnel nachgestellt, indem viele der Geiseln bis zu zwei Jahre ausharren mussten. Seit dem Terrorattentat findet dort jeden Samstagabend eine Demonstration statt. Einer der freigekommenen Überlebenden spricht, an der Seite seines Vaters, blass, ausgezehrt, aber klar: „Auch die toten Geiseln müssen alle übergeben werden. Solange werden wir nicht ruhen.“ Bewegend. Nicht nur seine Rede, sondern auch, was die Bewegung Bring them Home zustande gebracht hat. Aus der Initiative der Angehörigen wurde eine große Solidaritätsbewegung, die fast ganz Israel erfasste und die seit Monaten ein Ende des Krieges fordert. Ohne deren Druck wäre es wohl nicht zur Unterzeichnung des Trump-Plans durch Netanjahu gekommen. Auch das ist Israel: Demokratie „as its best“.

Der Deal klappt – der Trump-Plan wurde sowohl von Bibis Rechtsregierung als auch von der Hamas unterzeichnet. Schon wenige Tage später wurden die ersten lebenden Geiseln an Israel übergeben – gegen die Freilassung Hunderter palästinensischer Gefangener. Immer noch dauert der fragile Waffenstillstand an. Ob der 20-Punkteplan der Trump-Regierung eine Chance hat, Realität zu werden und gar zu der „historischen“ Friedensvereinbarung führen wird, ist aber fraglich. Mit beiden geplanten Veranstaltungen vor Ort – jeweils eine auf der israelischen und palästinensischen Seite – wollen wir als Think Tank Libmod (Zentrum Liberale Moderne) mit unserem Netzwerk Nahost dem Dialog in diesen Zeiten eine Chance geben.
10.11.2025 – Nähe Jericho, palästinensische Gebiete
In einem unscheinbaren Restaurant in der Nähe Jerichos – also in den palästinensischen Gebieten – findet einen Tag lang unsere erste Veranstaltung statt: 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind gekommen – jeweils 50 Israelis und Palästinenser – um gemeinsam über die Perspektiven nach dem Krieg zu diskutieren. Bis zum Schluss war unklar, ob so ein Dialog zustande kommen würde. Viele Seiten, vor allem aber Mahmut Abbas, der palästinensische Präsident persönlich, hatten versucht, die Veranstaltung zu verhindern. Auch Abbas ist ein Autokrat, der nichts duldet, was seine Macht gefährden könnte. Und unser Partner vor Ort, die Initiative für Zwei Staaten, Israel und Palästina, des ehemaligen Premierministers Ehud Olmert und Al-Kidwa, dem ehemaligen palästinensischen Außenminister, ist ein kritischer Akteur. Mitglieder der Initiative, wie Samer Sinjlawi, fordern öffentlich, dass Abbas endlich abtreten muss, im Nachkriegs-Gaza nichts mehr zu melden haben soll, sondern endlich der Weg für Wahlen freigemacht werden muss. Seit 2006 durften die Palästinenser nicht mehr wählen. Aber immer noch wird Abbas von den Europäern gepampert und seine Behörde, die PA, finanziert.


In Jericho werden Redner aus Gaza zugeschaltet, die mit einem solchen Auftritt ihr Leben riskieren. Eyal Waldmann, ein israelischer Unternehmer aus der Hightechbranche, der seine Tochter beim Nova Festival verloren hat, nimmt teil, ebenso wie der ehemalige Premierminister Olmert persönlich. Am erstaunlichsten ist der Mut aller Beteiligten, den Dialog mit der anderen Seite zu wagen. Trotz der erlebten Traumata auf beiden Seiten bleibt die Atmosphäre auch bei kontroversen Themen die ganze Zeit über respektvoll. Und das, obwohl mehr als ungewiss ist, ob der brüchige Waffenstillstand hält.
So ist die schnelle Einsetzung der sogenannten Internationalen Stabilisierungstruppe zentral. Denn schon am Tag nach dem Waffenstillstand krochen vermummte und bewaffnete Hamas-Kämpfer aus den Tunneln und begannen mit dem Terror gegen die eigene Bevölkerung. Man war sich in Jericho einig: Die Hamas muss entwaffnet werden und darf keine politische Rolle mehr in Gaza spielen.
Einig war man sich auch über das Ziel: zwei Staaten, ein israelischer und palästinensischer – auch, wenn in beiden Gesellschaften der Glaube daran gerade jetzt auf einem Tiefpunkt ist.
11.11.2025 – Tel Aviv, Universität
Auf dem Podium am nächsten Tag an der Universität Tel Aviv wurde deutlich, dass auf der israelischen Seite weit mehr Zweifel bestehen, ob der moderate Teil der Palästinenser in der Lage sein wird, die Macht zu übernehmen und einen demokratischen Staat aufzubauen. Denn selbst für das progressive Lager in Israel ist klar: Ein solcher palästinensischer Staat darf nicht in die Hand der Terrororganisation Hamas fallen und muss daher, wie in Oslo vereinbart, demilitarisiert sein. Nie wieder wird man es auf der israelischen Seite zulassen, dass von einem benachbarten Staat eine Terrorgefahr für Israels Bürgerinnen und Bürger ausgeht.
12.11.2025 – Berlin
150 Menschen, Israelis und Palästinenser, haben uns vor Ort mutig und entgegen aller Widerstände gezeigt, dass der Dialog miteinander möglich und wichtig ist. Denn die Teilnehmenden sind fest davon überzeugt: Frieden und Versöhnung wird nicht nur von Regierungen allein gemacht, sondern am Ende ganz konkret von den Menschen vor Ort.
Mir wird klar, zwischen der antisemitischen Hetze auf Europas Straßen, die angeblich „der Palästinensischen Sache“ gilt und den mutigen Menschen in TLV und Jericho liegen Welten.

Kerstin Müller
Nahostexpertin der Think Tanks Zentrum Liberale Moderne (LibMod) und der DGAP, Leiterin der Heinrich-Böll-Stiftung in Tel Aviv (2013–2018)
Staatsministerin im Auswärtigen
Amt a.D. (2002-05)
MdB Bündnis 90/Die Grünen 1994-2013, davon u.a. 8 Jahre Fraktionsvorsitzende
Kuratorium Aktion Deutschland hilft,
Beiratsmitglied von ELNET

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