Theater im Palais Berlin

Wenn Alina Gause lacht, tut sie das hell und leicht – doch die Themen, über die sie spricht, sind es selten. Und vielleicht erklärt genau das den Impuls hinter dem Jahresmotto 2026 des Theater im Palais Berlin: die Kraft der Frauen. Ein Motto, das weniger verordnet als gewachsen ist. „Wir rücken die Kraft der Frau in den Fokus, nicht das Leid der Frau“, sagt die Intendantin. Ein Satz, der für sich steht.

Das Jahr zuvor war ein anderes Kaliber. Kriegskinder hieß das Motto – ein intensives, würdiges, aber schweres Kapitel. Jetzt sollte die Perspektive wechseln und konstruktiver, zupackender, lichtdurchfluteter werden. Und: sichtbar. Sichtbar für Frauen, deren Gedanken, Werke und Lebenswege oft nur Randnotizen der Geschichte blieben. Sichtbar aber auch für die Kraft, die im eigenen Haus längst selbstverständlich ist.

Denn tatsächlich wirkt das Theater im Palais Berlin wie ein lebendiges Gegenargument zu der oft beklagten Unsichtbarkeit von Frauen in Kulturinstitutionen. 80 Prozent der Regien stammen von Frauen, die meisten Leitungspositionen sind weiblich besetzt – ohne Quote, ohne Agenda. „Ich suche eigentlich immer nach der besten Lösung. Und wo verspreche ich mir das beste Klima?“ Dass diese Lösung so häufig weiblich ist, „hat sich einfach so ergeben“, so Alina Gause.

Mut ist kein Konzept, sondern Voraussetzung

Dass sie für 2026 zwischen historischer Hexenverfolgung, zeitgenössischem Widerstand und moderner Selbstermächtigung einen roten Faden spannt, ist nicht das Ergebnis einer Programmkommission. Alina Gause beginnt nie beim Stoff, sondern bei den Künstlerinnen, deren Haltung, Energie und Humor sie fesseln: „Es fängt bei mir mit den Menschen an.“ Erst aus dieser Begeisterung entsteht ein Programm und zwar eine Mischung, wie sie nur in einem Haus dieser Größe möglich ist: unbequem, humorvoll, widerständig, zart, politisch, laut, poetisch. Besonders deutlich wird diese Spannbreite in Wir spielen Alltag, der Romanadaption der israelischen Schriftstellerin Lizzie Doron. Ein Text, der den 7. Oktober nicht aus der Distanz betrachtet, sondern aus der unmittelbaren Erschütterung heraus.

„Wenn wir uns so nicht damit auseinandersetzen dürfen oder können, dann müssen wir die Klappe halten, dann dürfen wir gar nicht mehr darüber reden.“ Sie sagt es nicht wütend, sondern ruhig und klar und zeigt damit, wie ernst dieses Haus die Verantwortung eines Theaters nimmt. Nicht politisch agitierend, sondern zutiefst humanistisch.

Die Vergangenheit liefert Stoff – die Gegenwart drängt

Neben Lizzie Doron steht 2026 die Uraufführung
Hexen – Über Sündenböcke von damals und heute (AT): die Geschichte der Bernauerin Dorothea Meermann, Opfer der Hexenverfolgung des 16. Jahrhunderts. Ein Stoff, der unmissverständlich zeigt, wie leicht Ausgrenzung funktioniert – damals wie heute.

Dazu kommen Gastspiele über Rosa Luxemburg, Valeska Gert oder vergessene Frauen der Berliner Geschichte. Es ist kein museales Themenjahr, sondern ein Jahr der Perspektiven. „Blitzlichter“, wie Alina Gause sagt. Konsequente, aber nicht dogmatische Zugänge.

Theater als Vertrauensraum

Ein Haus mit 100 Plätzen, einem hohen künstlerischen Anspruch und begrenzten Mitteln lebt von etwas, das man nicht kalkulieren kann: Vertrauen. Und Vertrauen zieht sich durch dieses Gespräch wie ein zweiter roter Faden. „Der einzige Weg, den es dahin gibt, ist, dass man ein großes Vertrauen zueinander hat – und das kann man nicht ad hoc aufbauen.“

Genau deshalb arbeitet Alina Gause bevorzugt mit Menschen, die sie kennt, deren Herzensprojekte sie versteht und denen sie Räume öffnen kann, die ihnen größere Häuser oft nicht bieten. Es ist dieser Raum, der das Palais außergewöhnlich macht: In seiner überschaubaren Größe konzentrieren sich Präzision und Haltung.

Was das Publikum mitnimmt

Was soll das Jahresmotto bewirken? Es ist jedenfalls kein pädagogischer Appell und keine moralische Pflichtübung. „Es soll Begeisterung auslösen.“ Begeisterung für Biografien, die man bislang nicht kannte. Begeisterung für Frauen, die man aus heutiger Sicht unbegreiflich lange übersehen hat. Begeisterung dafür, genauer hinzuhören: der Freundin, der Schwester, der Kollegin, der Nachbarin.

Alina Gause beschreibt ihren Idealzustand so: „Wenn Leute an die Kasse kommen und nicht wissen, was heute gespielt wird und eine Karte kaufen, weil sie sagen: Ist doch egal, es wird sicher gut sein.“ Das ist kein Marketingziel. Vielleicht ist das genau jene Wertschätzung, die Frauen in der Kunstgeschichte so oft vorenthalten wurde.

Ausdruck zwischen zwei Namen

2026 wird Alina Gause selbst wieder stärker auf der Bühne stehen. Viele wissen nicht, dass sie ihre künstlerische Arbeit – Schauspiel, Gesang, Regie – bisher traditionell unter ihrem Mädchennamen Lieske veröffentlicht hat. Parallel dazu hat sich in ihrer Intendantinnen- und Beratungstätigkeit der Name Gause etabliert. Zwei berufliche Linien, zwei Rollen, zwei Namen – beide authentisch, beide gewachsen.

„Der kreative Raum ist ein anderer“, erzählt sie. Ihn freizuhalten – trotz Intendanz, Büro, Ansprechbarkeit, Verantwortung – ist eine Herausforderung. Doch wer ihr zuhört, spürt diesen vorhandenen Raum und die Kraft.

Infobox

Alina Gause

Theater im Palais

Am Festungsgraben 1
10117 Berlin

Tel. 030 20453450

www.theater-im-palais.de

Alina Gause Berlin

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