Die Bühne als Schutzraum,
die Musik als Ausdruck der Lebensfreude

Für die Schauspielerin und Musikerin Antje Rietz ist die Bühne ein Zuhause. Sie legt ihre Biografie und ihre Musikalität in einen Raum, der für sie seit der Jugend ein Ort der Heimat ist. Aus unserem Gespräch mit der Künstlerin klingen zwei Emotionen ganz besonders nach: Leidenschaft und Lebensfreude.

Text: Silke Schuster
Fotos: Pawol Putnoki

Zwischen Leichtathletik und Landesjugendjazzorchester

Antje Rietz wuchs in einem fröhlichen, musikalischen Elternhaus auf: der Vater studierter Trompeter, die Mutter Apothekerin, Posaunistin und Sängerin. Die Musik war ein selbstverständlicher Teil des Familienlebens. Die Eltern lernten sich im Chor kennen – gesungen wird bis heute.

Ihre Kindheit brachte wie in allen Familien Konflikte mit sich, war aber getragen von einer grundlegenden Offenheit. Als Antje Rietz später an einer Essstörung erkrankte, stellten sich die Eltern der Auseinandersetzung. Therapie bedeutet auch unbequeme innerfamiliäre Gespräche. „Das war sehr, sehr heilsam“, beschreibt sie die Zugewandtheit ihrer Eltern.

Wer Antje Rietz heute erlebt, würde in ihr vermutlich eine geborene Bühnenfigur sehen. Doch als Jugendliche war sie zurückhaltend, nicht Teil der „coolen“ Kreise. „Gar nicht“, sagt sie auf die Frage, ob sich die Bühne früh angekündigt habe. Sie gehörte zum Orchester, spielte Trompete im Landesjugendorchester und im Landesjugendjazzorchester, machte Leichtathletik. Eingeladen zu den Bierkastenrunden am Theodor-Heuss-Platz wurde sie selten. Doch es störte sie nicht. Ihre Energie floss woanders hin.

Mit zwölf griff sie zur Trompete, die zu Hause herumlag. Der Vater hörte zu, korrigierte und motivierte sie. Es folgten Duette am Notenständer und Proben im Posaunenchor. Später kam die Big Band. „Und dann hat sich das so in mein Leben hineingelegt“, blickt die Künstlerin zurück. Parallel frönte sie einer weiteren künstlerischen Leidenschaft: dem Stepptanz. Inspiriert von Revuefilmen mit Fred Astaire und Ginger Rogers wünschte sich Antje Rietz zur Konfirmation einen Kurs. Das schillernde Entertainment der 40er- und 50er-Jahre wurde zu ihrem inneren Referenzraum.

Meine Eltern haben die
Kneipen aufgerissen …

Als eher stilles Kind gab ihr die Bühne Sicherheit: „Ich fühlte mich wie in einem Schutzraum. Dort durfte man mir zuhören.“ Als Teenager stand sie gemeinsam mit ihrem Bruder auf kleinen Bühnen – Trompete, Stepptanz, Klavier. Die Eltern machten es möglich, indem sie Kontakte aktivierten und Räume öffneten. „Meine Eltern haben die Kneipen aufgerissen“, erzählt sie lachend. So bestand das Publikum in den Anfängen überwiegend aus Freunden der Eltern, ein wohlwollendes Publikum also. „Alle waren da, um zuzuhören und zu unterstützen. Das war ein Aha-Moment für mich. Offensichtlich war ich interessant genug.“

Bevor die Bühne zum Schutzraum wurde, war es die Tartanbahn. Antje Rietz war Berliner Meisterin im Fünfkampf – eine Randnotiz, die mehr erklärt, als sie zunächst vermuten lässt, denn Sport bedeutete für sie nicht nur Bewegung, sondern Struktur, Ausdauer und Leistungsbereitschaft. Diese Disziplin zieht sich bis heute durch ihre Arbeit. Vielleicht ist es genau diese Kombination aus Energie und Struktur, die ihr künstlerisches Profil so prägt: das Temperament der Musikerin, gepaart mit dem Bewusstsein einer Sportlerin, die weiß, dass Talent allein nicht reicht.

Vom Hobby zur Berufung

Der Weg zur Professionalität wirkt im Rückblick fast folgerichtig, war aber zunächst offen. Erst einmal standen Schulmusik und Altgriechisch im Raum. Ein Jahr nach dem Abitur übte Antje Rietz intensiv Trompete und dachte über ein Musikstudium nach. Ihre Mutter erzählte ihr dann von einem neuen Studiengang an der damaligen Hochschule der Künste (HDK), heute Universität der Künste Berlin: Musical/Show – Schauspiel, Gesang und Tanz. Die junge Musikenthusiastin bewarb sich und bereitete sich „ganz blauäugig“ auf die Aufnahmeprüfung vor. Diese war schließlich auch ihr persönlicher Schlüsselmoment: „Wenn die mich nehmen, dann ist es das.“ Sie wurde genommen – und erlebte vier Jahre, die sie als „ein einziges Crescendo“ beschreibt. Sie „inhalierte“ das Studium, erweiterte ihren Horizont und überraschte sich selbst. Schrittweise eignete sie sich ihr künstlerisches Handwerkszeug an – und tut es bis heute. Denn es ist ein beständiges Lernen. „Es ist unmöglich, drei Disziplinen in vier Jahren zu lernen“, erzählt sie, „es werden Grundlagen gelegt, und dann geht es weiter. Aber ich kann mich auf meinen Handwerkskoffer verlassen.“

Im sogenannten Laborunterricht lernte sie, mit ihrer eigenen Biografie und Fantasie zu arbeiten, Grenzen auszuloten und Verletzlichkeit zuzulassen. „Mut zur Hässlichkeit, Mut zum Sexappeal“, fasst sie zusammen. „Ich wusste als junges Mädchen nicht, dass ich Sexappeal habe. Aber da wusste ich es dann.“

Heute unterrichtet sie selbst in diesem Studiengang und gibt weiter, was sie persönlich geprägt hat: „Den Mut, seine Biografie und Imagination einzubringen. Nicht nur zu zeigen, das könnte es sein, sondern es zu sein. Das bedeutet, sich zu öffnen und zu ahnen, dass es eine Verletzlichkeit mit sich bringt.“ Der Prozess beinhaltet zu lernen, sich selbst zu schützen und trotzdem verletzlich zu sein. „Und fleißig zu sein“, betont die Musikerin, „es fällt einem nichts in den Schoß.“

Musik als zweite Stimme

Was sie an der Verbindung von Schauspiel, Gesang und Bewegung reizt? „Die Möglichkeit, eine Figur zu erzählen als Schauspielerin, die noch das Handwerkszeug der Musik und der Bewegung einbringen kann.“ Und dann ist da die Trompete als gleichberechtigte Erzählerin: „Ich kann mit der Trompete irgendwie auch singen.“ Wenn genug Worte gesagt sind, übernimmt das Instrument: „Es seufzt, schmettert, richtet sich sehnsuchtsvoll gen Himmel.“ Manchmal stehen reine Instrumentalstücke im Programm. Dann erzählt das Flügelhorn eigene Geschichten. Ihre stilistische Heimat liegt im Swing der 40er und 50er Jahre. „Da geht mir das Herz auf.“ Mit Band schwelgt sie im Jazz, im Duo wird es chansonlastiger und textbetonter.

Wenn genug Worte gesagt sind,
übernimmt das Instrument …

Am liebsten würde sie mit Big Band auftreten. „Das kann ich mir aber nicht leisten.“ Die ökonomische Realität des Kulturbetriebs ist ernüchternd. Große Besetzungen sind schwer zu finanzieren und organisatorisch anspruchsvoll. An ihrem Henry-Mancini-Abend hat sie fünf Musiker dabei, die sie augenzwinkernd ihre „Pocket Big Band“ nennt. Sie selbst reiht sich dann auch bei manchen Nummern in den Bläsersatz, bestehend aus Saxophon/Klarinette/Flöte, Posaune und Trompete, ein.

Annäherung statt Imitation

In einem ihrer Programme widmet sie sich Caterina Valente. Dabei geht es ihr nicht um Kopie, sondern um Annäherung. Über Caterina Valente spricht sie mit hörbarer Bewunderung: eine Weltbürgerin, eine herausragende Gitarristin, weit mehr als das deutsche Nachkriegs-Schlagerimage. „Ich maße mir überhaupt nicht an, sie zu sein. Ich nähere mich ihr aber an, indem ich in ihrem Repertoire stöbere und schwelge.“

Da Antje Rietz nicht – wie Caterina Valente – Gitarre spielt, nimmt sie die Trompete, eine Ukulele oder das Glockenspiel. Das Entscheidende ist für sie die Begeisterung für die Musikalität einer Valente.

Und dann gibt es Geheimnisse. Gefühle, die sie über Musik vermittelt, ohne sie zu erklären. „Ich darf ja Geheimnisse auf der Bühne haben.“ Wer sie spürt, spürt sie.

Berlin als Basislager

Geboren und aufgewachsen ist Antje Rietz in Charlottenburg, heute lebt sie mit ihrer Familie in Kreuzberg. Berlin ist für sie Basis und Herausforderung zugleich. Nach einem Engagement am Staatstheater Karlsruhe erlebte sie die Stadt Berlin nach ihrer Rückkehr ganz neu – als laut, schnell und etwas rau. Trotzdem ist und bleibt es ihr Zuhause, ihr Nest und ihre künstlerische Base. In Berlin sind ihre Kindheitserinnerungen, ihre Kindheitskontakte, die Eltern, die Wurzeln: „Das kenne ich. Berlin kenne ich. Die Kinder gingen hier zur Schule. Mein Mann ist hier aufgewachsen, ist hier vernetzt. Ich wollte meine Familie nicht umpflanzen.“ Sie war viel unterwegs, aber freute sich immer, nach Hause zu kommen.

Antje Rietz unterwegs in Berlin

Mit der vielschichtigen Kulturlandschaft Berlins und bei aller Inspiration sagt Antje Rietz über die Stadt: „Es wartet keiner auf mich. Hier gibt es so viele, dass ich mir was einfallen lassen und Ideen haben muss, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Und das finde ich inspirierend und herausfordernd.“ In diesem Spannungsfeld findet sie Druck und Ansporn zugleich.

Familie, Glück & Disziplin

Antje Rietz ist verheiratet und Mutter von zwei inzwischen erwachsenen Kindern. Dass sie beides sein konnte – Familienfrau und viel beschäftigte Künstlerin –, bezeichnet sie als großes Glück und Geschenk, nicht als Selbstverständlichkeit. Als ein Engagement in Stuttgart im Raum stand, reduzierte ihr Mann seine Arbeitszeit und alle Großeltern halfen mit, diese Zeit mit den Kindern zu überbrücken. Das schlechte Gewissen blieb dennoch ein Begleiter. „Damit muss ich nun mal umgehen lernen.“ Ihre Kinder hingegen haben es ihr offenbar nicht übel genommen. „Die sind immer noch ganz gut gelaunt mit mir unterwegs“, lacht sie.

Wirtschaftlich würde sie aus heutiger Perspektive niemandem leichtfertig raten, sich in den Kulturbetrieb zu stürzen. Sie weiß, wie hart der Beruf ist. Probenzeiten, unsichtbare Vorarbeit, unsichere Honorare – vieles bleibt dem Publikum verborgen. Und doch sieht sie die leuchtenden Augen junger Menschen, die spielen und musizieren wollen. „Dann sage ich: Dann versucht es. Macht das bitte.“

Scheitern gehört auch zu ihrem Weg dazu. Doch sie betrachtet diese Tatsache mit Leichtigkeit: „Wer nicht scheitert, lernt nicht.“ Scheitern kostet Kraft, aber der Gewinn ist die Erfahrung. Es scheint diese Mischung aus Disziplin, Dankbarkeit und Humor zu sein, die sie verkörpert. Sich selbst beschreibt sie als reflektiert. Ihr gelingt es, immer wieder die Perspektive zu wechseln und eine positive Grundhaltung an den Tag zu legen. BVG-Streik? Sie könnte schimpfen. Aber sie fährt stattdessen Fahrrad und genießt das Wetter. Auch wenn wir nicht alle Lebenssituationen beeinflussen können, steht es uns frei zu entscheiden, mit welcher inneren Haltung wir ihnen begegnen möchten. Antje Rietz hat sich für eine konstruktive, bestärkende und zuversichtliche Haltung entschieden.

Rückblickend würde sie allerdings früher Abstand nehmen von einer „pflichterfüllenden Hörigkeit“ gegenüber Regeln und Autoritäten: „Manchmal wäre es besser gewesen, auszubrechen.“ Aber auch das ist Teil des Lernprozesses.

Magie auf der Bühne und im Publikum

Antje Rietz feiert Musik, Humor und Begegnung auf der Bühne und mit dem Publikum. Wenn das Publikum nicht nur applaudiert, sondern (zurück-)lächelt, entsteht ein magischer, unvergesslicher Moment, der alle Kunstschaffenden nährt und trägt.

Auf die Frage, welches Gefühl das Publikum nach einem Abend am ehesten mitnehmen soll, antwortet sie ohne Zögern: „Lebensfreude.“

Infobox

Antje Rietz & Band
Musik liegt in der Luft

Hommage an Caterina Valente
Sonntag, 10.05.2026, 18:00 Uhr
Schlosspark Theater Berlin

https://rietz.net

Antje Rietz Portrait

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