Geschichten, die wehtun und heilen
Als Sheri Hagen mit neun Jahren aus Lagos/Nigeria nach Hamburg kam, ahnte niemand, dass dieses Mädchen einmal eine der beharrlichsten Stimmen für Diversität im deutschen Film sein würde. Inzwischen ist sie dort angekommen, wo sie nie sein wollte: in der ersten Reihe. Als Regisseurin, Produzentin, Autorin und als Schwarze Frau, die die Regeln des Spiels infrage stellt.
Text: Silke Schuster
Fotos: Hardy Brackmann
Hamburg und die Bühne als Heimat
Hamburg wurde früh zu ihrer zweiten Heimat. Erst Wellingsbüttel, später Sasel – bis heute spürt sie, wie unterschiedlich Menschen gelesen und behandelt werden.
Die Bühne fand sie in einem alltäglichen Schulmoment: Eine engagierte Musiklehrerin verband Musik und Tanz, und plötzlich öffnete sich eine neue Welt für die junge Sheri. Sie schaute Musikvideos, stoppte, spulte zurück und studierte Bewegungen ein, unter anderem von Michael Jackson. Mit ihrem Tanz zu Beat It eroberte sie sich den Ruf als Star der Schule. Tanz ist für Sheri Hagen vielmehr Rettung als Kunst. „Ich habe über den Tanz die Sprache kennengelernt“, sagt sie. Sprache ist für sie nicht nur das gesprochene Wort, sondern Rhythmus und Körperhaltung.
Über den Tanz kam sie auf die Stage School in Hamburg, eine Musicalschule am Karl-Marx-Platz. Dort lernte sie Gesang, Tanz, Darstellung – und merkte gleichzeitig, was ihr fehlte. Musical war irgendwann nicht mehr ihrs. „Ich mochte es nicht, wie eine Dekoration von links nach rechts geschoben zu werden. Mir fehlte die Tiefe.“ Also suchte sie weiter. Sie entfernte sich von der perfekt choreografierten Nummer und näherte sich Figuren an, die mit inneren Widersprüche kämpfen, Schattenseiten haben und Brüche mit sich tragen. So gelangte sie vom Musical zum Schauspiel und eignete sich weitgehend autodidaktisch ihre Fertigkeiten an.
Die damalige Zentrale Bühnenvermittlung bot ihr Chancen. Sie sprach vor und bekam ihre ersten Rollen, darunter in der Fernsehserie Praxis Bülowbogen. Am Set war ihr vieles noch nicht vertraut, also konzentrierte sie sich auf das Wesentliche: „Wann bin ich dran, wo muss ich stehen, wohin muss ich spielen?“ Der Rest kam mit der Erfahrung.
Rollen mit Tiefgang
Sheri Hagen merkt bis heute, wie eng das Rollenprofil ist, das man ihr anbietet. „Die arme Schwarze Frau, die kaum Deutsch kann“, dekorative Nebenfiguren ohne eigene Geschichte. Rollen dieser Art nahm sie trotzdem an, gerade in den Anfängen, denn die Miete und das Leben wollen finanziert werden.
Ausnahmen brachten Bewegung in ihre Rollenvielfalt. So spielte sie eine Attentäterin in der facettenreich erzählten TV-Reihe Sperling und die kalte Angst sowie eine Rächerin in dem Kinofilm On the Inside – beide Inszenierungen von Uwe Janson. Eine weitere facettenreiche Rolle war die einer Geflüchteten mit Handlungsmacht im Tatort Verborgen. Bei Morden im Norden spielte sie eine neureiche Musikproduzentin, eine Frau „von nebenan“ aus einer wohlhabenden Umgebung – weit weg von gängigen Klischees.

Diese seltenen Rollen zeigen Sheri Hagen, was möglich ist, wenn Regie und Drehbuch mehr wollen als Stereotype. „Jede Rolle, die ich spielen darf, die eine Tiefe hat, die einen Bogen zu spielen hat – das sind Rollen, die ich mag. Und die sind leider selten.“
Zum eigenen Set: Equality Film
Das Ärgernis und die Langeweile über die immer gleichen Rollen war letztlich der Auslöser, selbst zur Autorin und Regisseurin zu werden. 2005 begann Sheri Hagen zu schreiben und ihre soziale Umgebung zu erkunden, die wesentlich vielfältiger ist als das Bild, das deutsche Filme und Serien von der Gesellschaft zeichnen: „Mein soziales Umfeld gibt so viel mehr her als das, was ich im Fernsehen sehe. Es ist so reichhaltig. Das würde ich gern übertragen“, erzählt sie. Also drehte sie 2007 ihren ersten Kurzfilm Stella und die Störche, um zu prüfen, ob es funktioniert und ob sie das überhaupt kann. Und sie kann! Mit einem Minimalbudget, viel ehrenamtlicher Arbeit und dem Vertrauen der Mitwirkenden entstand ein Film, der sie „Blut lecken“ ließ. Doch sie erlebte auch, wie schwer es ist, für solche Projekte Produktionsfirmen und Fördergelder zu finden, gerade im Kurzfilmbereich.
2010/11 folgte ihr Debütfilm Auf den zweiten Blick. Mit einem Mini-Budget von rund 30.000 Euro stemmte sie ihren ersten Langspielfilm. Schauspieler wie Pierre Sanoussi-Bliss unterstützten sie und brachten sich ein, „damit das Werk aufstehen kann“.

Als sich später die geplante Gründung einer Produktionsfirma mit Partnern zuschlug, entschied Sheri Hagen, es allein zu wagen. 2015 gründete sie als One-Woman-Show Equality Film. Mit ihren eigenen Produktionen erzählt sie Geschichten von Menschen, die im Schatten stehen, aber Teil unserer Gesellschaft sind. „Es gibt so viele, die unterrepräsentiert sind, die unsichtbar bleiben. „Wir existieren in der Realität, aber selten in den Geschichten und auf Leinwänden“, sagt sie. Mit Equality Film will sie genau das ändern.
Billie – ein Bankbesuch als Brennglas
Ihr aktueller Film Billie bündelt vieles, wofür Sheri Hagen steht. Die Idee entstand schon 2014. Realisieren konnte sie den Film erst jetzt – ein zeitlicher Abstand, der selbst viel über Strukturen in der deutschen Filmförderung preisgibt. Im Zentrum des Films stehen zwei Frauen, Nina (Ruby Commey) und Angie (Thelma Buabeng). Zwei Schwarze Freundinnen, „ganz normale Frauen, wie es sie in jeder Straße gibt“, wie Sheri Hagen betont. Sie wollen „ein Stück Liebe und Freiheit“, nicht mehr. In einer Bank – einem bewusst gewählten, halböffentlichen Raum – geraten sie in eine Situation, in der ein Missverständnis eskaliert. Ein Kleinkredit von 300 Euro, ein paar falsche Blicke, Vorannahmen, befremdliche Zuschreibungen und Klassendenken – und plötzlich werden die Frauen als Bedrohung gelesen. Für Sheri Hagen ist das kein Klischee, sondern bittere Realität. „Wir werden unterschiedlich gelesen“, sagt sie. Wer wie sie als Schwarze Frau durch deutsche Straßen läuft, kennt andere Blicke, andere Reaktionen und andere Gefahren. „Unsere Synapsen sind wacher“, so beschreibt sie es.

Foto: ©Hardy Brackmann
Billie zeigt nicht nur Rassismus, sondern auch, wie Vorurteile entstehen, aber auch, wie sie überwunden werden können. Sheri Hagen interessiert sich weniger für die reine Anklage als für die Frage: Lernen wir aus unseren Vorurteilen oder krallen wir uns noch stärker an ihnen fest? Zugleich erzählt der Film von häuslicher Gewalt. Jede dritte Frau erlebt in ihrem Leben Gewalt, erinnert Sheri Hagen – Nachbarin, Kollegin, Schwester, Mutter. Nur etwa fünf Prozent zeigen die Taten an, der Rest schweigt. Billie will mit patriarchalen Strukturen brechen und einen Ausweg aufzeigen: durch Solidarität und durch das Mitteilen.
Humor als Schutzschirm und als Waffe
Trotz der Schwere des Themas ist Billie kein durchgehend dramatischer Film. Vielmehr spielt Humor eine zentrale Rolle. „Humor ist wichtig, Humor heilt. Er ist ein Türöffner, ein Schutzraum, ein Perspektivwechsel“, sagt Sheri Hagen. „Über das Lachen landet das Thema eher in der Magengrube – so erreicht man das Publikum.“ Humor öffnet Köpfe, ohne direkt Abwehr auszulösen. Besonders in Communities, die viel Diskriminierung und Rassismus erfahren – z. B. Schwarze Communities, jüdische Communities, Roma und Sinti – sei oft ein trockener Humor überlebenswichtig. „Um diesen ganzen Schmerz und Scheiß ertragen zu können.“
Diese Verbindung von Witz und Schmerz, Leichtigkeit und Wucht, zieht sich durch ihr Werk. Förderinstitutionen haben ihr immer wieder gesagt, sie habe „zu viele Themen“ in ihren Büchern, sie müsse sich für ein Thema und ein Genre entscheiden. Aber Sheri Hagen erzählt bewusst anders. Sie verweist auf literarische Traditionen aus Nigeria: Dort ist das Erzählen selten stringent, oft verschachtelt, mit einem Metathema und vielen Nebenthemen, die zurück auf das Ganze spielen. Genau so baut sie auch ihre Filme auf.
Kämpfe hinter der Kamera
Was das Publikum im Kino selten sieht: den Kampf, der solchen Filmen vorausgeht. Fehlende Fördergelder und Strukturen erschweren häufig die Sichtbarmachung von Kunst, die nicht dem Mainstream entspricht. Als im Filmförderungsgesetz im vergangenen Jahr alle Passagen zu Diversität und Inklusion gestrichen wurden, saß sie fassungslos vor den Nachrichten und fragte sich: „Wozu spricht und kämpft man eigentlich?“
Gleichzeitig betont sie, wo es positive Entwicklungen gibt. Sie hebt die Hamburger Filmförderung und ihren Geschäftsführer Helge Albers hervor: Hamburg habe verstanden, wie man Talente stärkt und Relevanz erkennt. Dass ihr Film schließlich unter anderem durch die Götz-George-Stiftung abgeschlossen werden konnte, ist für sie Segen und Symptom zugleich: Segen, weil diese Stiftung Billie erkannt und gefördert hat. Symptom, weil es absurd ist, dass Stiftungen Lücken schließen müssen, die eigentlich von öffentlicher Kulturförderung ausgeglichen werden sollten.
Wenn sie über Politik spricht, wird Sheri Hagen grundsätzlich. Es geht ihr nicht nur um die Filmwelt, sondern darum, wie eine Gesellschaft Prioritäten setzt. Die Summen, die in Aufrüstung fließen, stellt sie den Mitteln gegenüber, die für Prävention, Bildung, Kultur oder Unterstützung von Betroffenen häuslicher Gewalt benötigt würden. „Wir investieren Geld in die Zerstörung des Planeten“, sagt sie, „und gleichzeitig sprechen wir von Nachhaltigkeit. Wie kann man einem Kind erklären, dass man so viel Geld in die eigene Zerstörung investiert?“
Empathie als politische Kraft
Dass sie in Deutschland als eine der wenigen Schwarzen Produzentinnen, Regisseurinnen und Autorinnen einen Kinofilm mit zwei Schwarzen Frauen in den Hauptrollen realisiert hat, sieht sie auch als Anklage an die Strukturen: „Wir haben 2025. Deutschland müsste inzwischen wissen, dass sie auch Schwarze Menschen in ihrer Bevölkerung haben.
Natürlich stellt sich Sheri Hagen immer wieder die Sinnfrage, aber am Ende gewinnt für sie stets die Hoffnung. Ihr politisches Handeln ist der Film: „Meine Kraft, meine politische Kraft ist, dass ich über meine Geschichten versuche, Menschen zu bewegen.“ Empathie ist für sie dabei der Schlüssel. In ihren Filmen verschränkt sie unterschiedliche Realitäten, Perspektiven und Stimmen – intersektional, wie die Theorie es nennen würde.
Was wünscht sich Sheri Hagen von den Zuschauerinnen und Zuschauern, die Billie sehen? „Dass sie Empathie mitnehmen und Mut. Mut zur Veränderung, Mut zum Agieren. Und dass sie anfangen zu sprechen.“ Vielleicht beschreibt genau das auch, wofür sie selbst steht: für eine Kunst, die nicht nur erzählt, sondern zum Nachdenken und Handeln anstößt; die nicht nur sichtbar macht, sondern Verbündete sucht.
Sheri Hagen, die sich so lange lieber in der zweiten oder dritten Reihe sah, wird damit zwangsläufig zu einer Figur in der ersten Reihe, und zwar als ein Mensch, der zeigt, wie viel Kraft darin liegt, sich nicht zufrieden zu geben mit den Geschichten, die es schon gibt. Sondern die eigene Realität auf die Leinwand zu bringen, mit viel Tiefe und Humor. Und mit der beharrlichen Forderung, dass niemand zur Dekoration degradiert werden sollte – weder auf der Bühne noch im Leben.


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