Kunst & Kultur Portrait

Florian Schroeder – Das Experiment Glück

Florian Schroeder Titelbild

Kabarettist und Autor Florian Schroeder sucht das Glück, zumindest beruflich. Privat hält er die dauernde Glückspflicht für eine Zumutung. Ein Gespräch über Empörung, Meinungsfreiheit, Satire, Unsicherheit und die Frage, warum eine Gesellschaft das Negative wieder aushalten lernen muss.

Text: Silke Schuster
Fotos: © Pavol Putnoki

Florian Schroeder erzählt gleich zu Beginn, wie er schon als Kind gelernt hat: Er habe allen Warnungen zum Trotz immer wieder auf heiße Herdplatten gefasst. Irgendwann lernt man eben, wie warm eine Herdplatte sein muss, damit man sie gerade noch berühren kann, ohne sich zu verbrennen. Es ist ein Bild, das zu seinem Beruf passt, denn der Kabarettist hat sich eine Karriere daraus gebaut, an die heißen Stellen der Gegenwart zu fassen – zwar nicht aus Freude am Schmerz, sondern aus einer Neugier heraus: Er möchte wissen, wie weit man gehen kann, bevor die Reflexe einsetzen.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten steht Florian Schroeder mit eigenen Programmen auf der Bühne. Wenn man die frühen Auftritte in kleinen Ensembles und Monatsrückblicken hinzurechnet, sind es sogar mehr als
30 Jahre. Er ist Kabarettist, Autor, Moderator, Satiriker, Stimmenimitator, öffentlicher Kommentator und einer, dem es nicht reicht, die Gegenwart zu beschreiben, er setzt sie unter Druck. Das macht ihn anschlussfähig und unbequem zugleich.

Sein neues Buch Happy End: Warum Du ohne Glück glücklicher bist führt ihn in eine Welt, die auf den ersten Blick weicher wirkt als die Konfliktzonen von Meinungsfreiheit, Populismus und politischer Erregung. Doch für Florian Schroeder ist das Glück kein privates Wellness-Thema, sondern ein gesellschaftlicher Seismograf. Wer heute Glück verspricht, verkauft oft Erlösung. Und wer permanent glücklich sein will, verdrängt womöglich genau jene Erfahrungen, die ein Leben wirklich interessant machen: Langeweile, Traurigkeit, Scheitern, Unsicherheit, Schmerz.

„Ich bin nicht glücklich“, sagt Florian Schroeder im Gespräch, und der Satz klingt bei ihm eher wie eine Befreiung. Er fügt hinzu, er sei froh darüber, denn es wäre „unerträglich, immer glücklich zu sein“. Stattdessen fragt er lieber, ob ein Leben erfüllt, spannend oder reizvoll ist. Diese Kategorie passt besser zu einem Künstler, der produktive Unruhe höher schätzt als seelische Daueroptimierung.

Satire als kontrollierte Irritation

Wer Florian Schroeder auf der Bühne erlebt, sieht einen Künstler, der Situationen erschafft. Er lockt sein Publikum in Zustimmung hinein, lässt es applaudieren und dreht dann den Blickwinkel. Besonders deutlich wird das in einer Passage seines Programms, in der er über „Glückstyrannen“ spricht und mit der Dynamik von Masse und Ermächtigung spielt. Er sagt einen Satz, der zunächst plausibel klingt: „Strukturen, die nicht reformierbar sind, müssen zerstört werden, um neu aufgebaut zu werden.“ Dann zeigt er Figuren, die angeblich nicht mehr reformierbar sind, und das Publikum applaudiert, wenn es heißt: „Die müssen weg.“ Für Florian Schroeder liegt der Reiz genau in diesem Moment, den er eine Art „Wellemoment“ nennt, in Anlehnung an Die Welle: Die Verantwortung verschiebt sich. Das Publikum will die symbolische Kettensäge, der Künstler führt sie nur aus. Am Ende kippt die Szene und entlarvt nicht nur die Rhetorik der Vereinfachung, sondern auch die Lust an ihr. „Das ist eigentlich das Schönste an diesem satirischen Genre“, erklärt der Künstler.

Damit solche Momente funktionieren, müssen sie präzise gebaut sein. Dabei unterscheidet Florian Schroeder zwischen guter und schlechter Irritation. Eine gute Irritation hat ein Ziel und ist dramaturgisch genau durchdacht. Eine schlechte Irritation lässt das Publikum ratlos zurück. Das sei tödlich, sagt er, für den Künstler ebenso wie für die Zuschauenden. Wichtig ist: „Wenn du in der Art und Weise klar bist, kannst du inhaltlich alles machen. Dann kannst du sogar einen Rassisten spielen, solange am Ende klar ist, was damit gemeint war.“

Damit ist der Kern seiner Arbeit treffend beschrieben. Denn Florian Schroeder interessiert sich nicht für Gefälligkeit. Er möchte sein Publikum nicht dort abholen, wo es ohnehin schon steht, sondern es an einen Punkt führen, an dem es sich selbst beim Denken zusieht. Das schönste Kompliment nach einer Show sei für ihn, wenn Leute sagen, sie hätten zunächst gar nicht gewusst, wie etwas gemeint gewesen sei. „Das ist my fucking job“, sagt der Kabarettist. „Mein Job ist es, zu überraschen und eben nicht gefällig zu sein.“

Der Diskurs und die Kunst, Widerspruch auszuhalten

Florian Schroeder unterscheidet sehr genau zwischen Sensibilität im Sinne von Empfindsamkeit und Sensibilität im Sinne von Kränkbarkeit. In der Gegenwart beobachtet er vor allem Letzteres. „Es herrscht sehr viel Empfindlichkeit für sich selbst und sehr viel Empörung oder Empörungsbereitschaft für andere“, sagt er. Darin liege einer der Grundkonflikte dieser Zeit.

Seine Diagnose ist hart: Viele wollten senden, ohne zu empfangen. Sie wollten alles sagen, ohne auszuhalten, dass Antworten kommen, die unangenehm sein könnten. Aber genau das gehört zum öffentlichen Raum. Wer den Widerspruch nicht einkalkuliert, verwechselt Debatte mit Selbstbestätigung. Florian Schroeder sieht darin nicht nur ein Problem sozialer Medien, sondern eine Verschiebung im Umgang miteinander: Person und Sache würden immer seltener getrennt. Aus Kritik wird schnell moralische Einordnung, aus einem Satz eine Identität. Er spricht von „Schubladisierung“, von dem Wunsch, Menschen anhand kürzester Formulierungen einzuordnen und sie nie wieder aus dieser Schublade herauszulassen. Aus seiner Sicht ist das auch eine Reaktion auf eine Gegenwart, die sich für viele Menschen überkomplex anfühlt. Denn wenn die Welt unübersichtlich wird, wächst das Bedürfnis nach einfachen privaten Ordnungssystemen.

Florian Schroeder Portrait

Trotzdem glaubt Florian Schroeder nicht, dass früher alles besser war. Die politische Arena war früher oft härter, wilder, gemeiner. Der Unterschied liegt für ihn woanders: Heute hat im Grunde jeder seine eigene Öffentlichkeit. Jeder, der senden will, kann senden. Jeder Kanal ist zugleich Bühne, Lautsprecher und Echokammer. Früher gab es Gatekeeper; heute gibt es Kommentarspalten, Plattformen und algorithmische Verstärker. Das verändert nicht nur die Lautstärke, sondern auch die Machtverhältnisse.

Seine Diagnose ist hart

Gerade die etablierten politischen Kräfte hätten diese Entwicklung lange unterschätzt. Florian Schroeder sieht den Erfolg der AfD wesentlich mit dem unregulierten Internet und den sozialen Plattformen verbunden. Während klassische Institutionen die neuen medialen Räume lange mit spitzen Fingern angefasst hätten, hätten andere gelernt, sie zu beherrschen. So entstehe eine neue Einflusssphäre, deren Reichweite und Dynamik noch gar nicht vollständig verstanden sei.

Meinungsfreiheit und ihre empfindlichen Freunde

Auf die Frage, ob es in Deutschland noch Meinungsfreiheit gebe, antwortet Florian Schroeder ohne Zögern: „Ja, definitiv.“ Aber damit ist das Thema für ihn nicht erledigt. Denn formal garantierte Freiheit bedeutet nicht, dass der gesellschaftliche Umgang mit Meinung gesund ist. Er sieht keine Abschaffung der Meinungsfreiheit, sondern eine Verengung des Diskurses durch Empfindlichkeit, Besserwisserei und moralische Überhitzung.

Auch mit dem Begriff „Hetze“ fremdelt er. Nicht, weil er Hass im Netz leugnet. Den gebe es, sagt er, und er sei ein Problem. Aber die Kombination „Hass und Hetze“ sei zu einem leeren, inflationär gebrauchten Wortpaar geworden. Oft werde sie von Menschen benutzt, die keinen Widerspruch aushielten. Sich selbst empfindet er nicht als Hetzer. Wenn andere das täten, müssten sie damit leben.

Sein satirischer Kompass ist ein anderer. Eine Leitfrage lautet für ihn: Würde er eine Pointe genauso machen, wenn er vor der Person stünde, über die er spricht? Diese Frage zensiert er nicht, sondern er prüft, ob ein Witz Bestand hat. Wenn die Antwort Nein lautet, ist es meistens ein schlechter Witz, der nicht die Wirklichkeit trifft. Gute Satire zielt. Das erklärt auch, warum Florian Schroeder keine thematischen Tabuzonen benennt. Er traut sich erst einmal an alle Stoffe heran. Dabei versucht er, seine Worte so genau wie möglich zu wählen und mit größtmöglicher Verantwortung zu formulieren.

Ausgewogenheit macht frei

Florian Schroeder bekommt von unterschiedlichen Seiten Gegenwind, und man spürt, dass ihn das eher bestätigt als kränkt. Er findet es langweilig, vorhersehbar zu sein. Dogmatiker gebe es überall, und alle öffentlichen Gruppen,
die mit moralischem oder politischem Anspruch auftreten, müssten satirisch angreifbar bleiben.

Macht das einsam? Florian Schroeder verneint. Im Gegenteil: Ihn mache es frei und unabhängig. Freunde, Familie, Bekannte seien in seinem Leben schon auf Distanz gegangen, weil sie mit bestimmten Positionen oder Pointen nichts anfangen konnten. Er selbst versteht das nicht recht, denn für ihn können Freundschaft über inhaltliche Differenzen hinausgehen.

Zugleich weiß er, dass man nicht jeder Meinung gleich viel Gewicht geben sollte. Mit der Zeit müsse man sich eine gewisse Zahl von Menschen suchen, deren Kritik man ernst nehme. Viele müssen das nicht sein, aber es sind die, die man braucht. Ansonsten verliert man sich: entweder, weil man allen zuhört, oder weil man gar niemandem mehr zuhört.

Diese Balance zwischen Unabhängigkeit und Korrektiv ist wichtig für Florian Schroeders Arbeit. Er wirkt nicht wie ein Künstler, der einsam am Schreibtisch Genialität produziert. Er spricht von seinem Netzwerk aus Management, Social-Media-Team, Tourbegleitung, Technik, grafischer Umsetzung, Recherche und dramaturgischen Gesprächspartnern, ohne die er seine Arbeit im Ganzen gar nicht tun könnte. Die Ideen, die Stoßrichtung, die Texte kommen vor allem von ihm. Doch er weiß, dass Arbeit auf diesem Niveau nicht im luftleeren Raum entsteht. Gerade bei Shows braucht er irgendwann ein Gegenüber, eine Art Anspielpartner, der Dramaturgie, Texte und Wirkung reflektiert.

Vom Vorspeisenteller zum Hauptgang

Florian Schroeder spricht auffallend offen über seine Entwicklung. In den Anfängen seiner Karriere, sagt er, sei er ängstlicher und bornierter gewesen. Er habe sich stärker an Vorbildern orientiert und versucht, es allen recht zu machen, weil er unbedingt ankommen wollte. Das habe seine Arbeit indifferenter gemacht.

Eine Kritik aus dieser Zeit hat sich ihm eingeprägt. Nach einem Kabarettwettbewerb, bei dem er nicht über die Vorrunde hinauskam, sagte ein Intendant zu ihm, er sei wie ein Vorspeisenteller: völlig in Ordnung, aber man warte darauf, dass endlich der Hauptgang komme. Florian Schroeder nahm sich das zu Herzen. Er hatte zu viel gewollt, vielleicht auch zu viel gekonnt und zu wenig entschieden. „Dass er nicht auch noch singt und zaubert, ist eigentlich fast ein Wunder“, sagt er rückblickend über sich selbst.

Die Erkenntnis war: Man muss nicht alles machen. Man muss wissen, welche Themen die eigenen sind, welche Form man beherrscht und was man besser bleiben lässt. Florian Schroeder hat daraus eine klarere künstlerische Identität entwickelt. Heute steht er nicht mehr auf der Bühne, um allen zu gefallen. Er steht dort, um einen
Gedanken so weit zu treiben, bis er weh tut oder komisch wird, im besten Fall beides.

Zu seinen frühen Idolen gehörten David Letterman und Harald Schmidt. Bei Letterman bewunderte er die amerikanische Late-Night-Tradition, bei Schmidt die Pointiertheit, die Haltung, die ironische Distanz. Doch aus Idolen werden irgendwann Referenzen. Florian Schroeder ist längst kein Nachahmer mehr, sondern eine eigene Figur im deutschen Kabarettbetrieb: politisch, schnell, analytisch, rhetorisch scharf und immer mit Lust am Diskurs.

Das neue Buch und die Zumutung des Glücks

Happy End: Warum Du ohne Glück glücklicher bist ist Florian Schroeders sechstes Buch, auch wenn er selbst die frühen Bücher mit einem gewissen Augenzwinkern unter Frühwerk verbucht. Die Idee entstand aus seinem Programm Endlich glücklich und einem Impuls seiner Verlegerin, die angesichts der ganzen Glücksratgeber fand, es sei Zeit für ein Antiglücksbuch. Er wollte allerdings nicht einfach nur diejenigen verspotten, die Glück suchen. Er wollte wissen, wie Menschen Glück suchen, welche Formen es annimmt und ob er es vielleicht selbst findet, wenn er sich darauf einlässt. Für das Buch begab er sich in unterschiedliche Glückswelten. Er las Ratgeber, beschäftigte sich mit Life-Coaching, Happiness-Versprechen,
Ekstase, Askese, Popkultur, Drogen, Gemeinschaftserfahrungen und körperlichen Grenzerlebnissen.

Das Buch ist also kein bloßes Anti-Programm, sondern eine Recherche. Florian Schroeder geht in fremde Räume, setzt sich ihnen aus und schaut, was sie mit ihm machen. Seine Grundhaltung bleibt skeptisch, aber nicht zynisch. Stattdessen lässt er die Möglichkeit offen, dass andere Menschen an Orten Glück finden, die ihm zunächst absurd erscheinen. „Taylor Swift reizt mich musikalisch zum Beispiel nicht. Doch als ich mich damit beschäftigt habe, habe ich doch die große Kunst verstanden, die das ausmacht“, erklärt er.

Seine zentrale These ist klar: Die Suche nach Glück kann unglücklich machen. Gerade wer das Glück direkt jagt, verfehlt es. Florian Schroeder beruft sich auf den Gedanken, man könne allenfalls Bedingungen schaffen, unter denen Glück einen vielleicht findet. Man könne Räume öffnen, Entscheidungen treffen, sein Leben gestalten. Aber sobald man alles daraufhin überprüft, ob es glücklich macht, verschwindet das Glück.

Die unterschätzte Sphäre des Negativen

Besonders stark wird Florian Schroeder, wenn er über das Negative spricht. Scheitern, Langeweile, Traurigkeit, Schmerz und Verletzung sind für ihn keine Defekte, die man möglichst schnell wegtherapieren oder wegoptimieren muss. Sie gehören zum Leben. Mehr noch: Sie sind die Gegenfolie, ohne die das Positive leer wird. „Diese Sphäre des Negativen ist wirklich unterschätzt“, sagt er. In einer Kultur, die auf permanente Selbstverbesserung, Sichtbarkeit und positive Erzählbarkeit setzt, wird das Negative schnell verdächtig. Wer traurig ist, arbeitet angeblich noch nicht genug an sich. Wer scheitert, hat die falsche Methode gewählt. Und wer Langeweile empfindet, hat seine Zeit nicht effizient genutzt.

Florian Schroeder hält das für eine gefährliche Verkürzung. Er sieht den Druck nicht allein medial vermittelt, auch wenn soziale Plattformen ihn verstärken. Tiefer liegt ein Gesellschaftssystem, das auf Selbstüberhöhung und Selbstoptimierung setzt. Die Medien sind hier eher Verstärker einer ohnehin vorhandenen Tendenz. Wenn eine Gesellschaft Mangel, Leere und Unklarheit nicht mehr aushält, verliert sie die Fähigkeit zur Reifung.

Besonders kritisch sieht Florian Schroeder den Verlust produktiver Langeweile. Früher wie heute hätten Menschen sich vernetzt, verglichen, orientiert. Neu sei weniger die Vernetzung selbst als die permanente Verhinderung von Leere. Wenn jeder Mangel sofort gefüllt wird, kann daraus eine Haltung entstehen, in der Zumutungen der Welt als persönliche Beleidigung empfunden werden. Das ist eine scharfe Diagnose, aber sie passt zu seiner größeren Kritik an der Empfindlichkeit der Gegenwart.

Glück als Statussymbol

Ist Glück heute ein Statussymbol? Florian Schroeder hält das für plausibel. Bei einer Straßenumfrage für seine Social-Media-Kanäle habe er Menschen gefragt, ob sie glücklich seien. Er war erstaunt, wie selbstverständlich viele reflexhaft Ja sagten. Als gäbe es keine Alternative.

Dieser Reflex interessiert ihn. Wer nicht glücklich ist, hat offenbar etwas falsch gemacht. Florian Schroeder widerspricht dieser Logik: Nein, er sei nicht glücklich. Aber das bedeutet nicht, dass sein Leben misslungen ist. Im Gegenteil: Vielleicht ist die Fixierung auf Glück zu klein für ein Leben, das auch Widerspruch, Arbeit, Unsicherheit und Intensität kennt.

Künstler auf Sofa unter Scheinwerfer

Applaus kann ihn dennoch glücklich machen. Gute Shows seien ein „großer Glücksmotor“. Es gibt Abende, an denen alles stimmt: Raum, Publikum, Timing, eigene Präsenz. Solche Abende kann man nicht erzwingen, und sie kommen auch nicht jeden Tag vor. Auch Ruhe kann ein Glücksmoment sein: Weihnachten am Meer, 20 Grad am Nachmittag, Strand, Stille. Florian Schroeder braucht nicht immer den maximalen Reiz, auch wenn er ein Mensch ist, der Reize sucht und verarbeitet. Für das kleine persönliche Glück reicht manchmal ein Ort, an dem nichts drängt.

Permanent online, permanent in Beobachtung

Florian Schroeder ist kein Digital-Detox-Prediger. Im Gegenteil: Er gibt offen zu, dass ihm digitale Askese fremd ist. Er sei permanent online, lasse sein Handy nicht liegen und reise lieber mit mehreren Powerbanks, als in die Verlegenheit zu kommen, nicht erreichbar oder nicht verbunden zu sein. Ein dreiwöchiger Urlaub auf Borneo, abgeschieden von der Wirklichkeit und ohne Smartphone, wäre für ihn ein Albtraum.

Das könnte man als Abhängigkeit lesen, aber bei Florian Schroeder gehört es auch zu seiner Arbeitsweise: Er ist dauernd in Beobachtung. Er nimmt die Dinge um sich wahr, verarbeitet sie und denkt sie weiter. Mit dem Begriff Workaholic kann er trotzdem nichts anfangen. Arbeit ist bei ihm nicht einfach die Zeit am Schreibtisch oder auf der Bühne, sondern ein Modus der Weltbeobachtung.

Gleichzeitig kennt er die Logik der Social-Media-Plattformen. Er weiß, dass Zuspitzung besser funktioniert als Ambivalenz, dass härtere Titel und apokalyptischere Thumbnails mehr Klicks bringen. Er gibt zu, dass auch er Clickbait betrieben hat, versucht aber, Empörung auf seinen Kanälen gering zu halten. Pointieren ja, empört sein nein. Zuspitzen ja, aggressiv werden nein.

Die Versuchung des Gesehenwerdens beschreibt er präzise. Sichtbarkeit entsteht dort, wo eine Sache klarer wirkt, als sie in Wirklichkeit ist. Die algorithmisierte Logik belohnt Reiz und Reaktion, Empörung und Gegenempörung, den schnellen Impuls und den Kommentar, der nur noch Beschimpfung ist. Florian Schroeder spielt zwar mit dieser Logik, will ihr aber nicht vollständig gehören.

Überforderung, Populismus und die Sehnsucht nach Führung

Florian Schroeder ist kein Kulturpessimist. Ein Pessimismus, nach dem alles immer schlimmer werde, ist ihm fremd. Überforderung hingegen sieht er, und er hält sie für nachvollziehbar. Klimakatastrophe, künstliche Intelligenz, Kriege, gesellschaftliche Spaltung, technologische Beschleunigung: Es prallt vieles gleichzeitig auf die Menschen ein. Wer das Gefühl bekommt, nichts ausrichten zu können, sucht nach Entlastung.

In solchen Phasen, sagt Florian Schroeder, wachse die Sehnsucht nach starken Führungspersönlichkeiten und nach Sündenböcken. Das sei menschheitsgeschichtlich nicht neu. Neu sind die technologischen Möglichkeiten, mit denen solche Sehnsüchte organisiert, verstärkt und politisch nutzbar gemacht werden. Deshalb interessiert ihn nicht nur, was Menschen denken, sondern wie ihre Affekte verbreitet werden.

Die Lauten machen ihm dabei weniger Angst als die Gleichgültigen. Denn den Lauten kann man widersprechen. Die Gleichgültigen dagegen sind leise und gerade wegen ihrer „Wurschtigkeit“ zu allem in der Lage. Die Gefahr liegt insofern nicht nur im Extrem, sondern auch im Rückzug. Eine Demokratie lebt nicht davon, dass alle einer Meinung sind. Sie lebt davon, dass Menschen überhaupt bereit sind, sich einzumischen.

Unsicherheit als Produktivkraft

Hinter Florian Schroeders Schlagfertigkeit steckt viel Unsicherheit, die er als Arbeitsprinzip sieht. Im Prozess sei er andauernd unsicher, sagt er. Funktioniert der Witz? Ist das überhaupt ein Thema? Manchmal braucht es fünf oder zehn Vorstellungen, bis eine Passage wirklich sitzt. Er hält diese Unsicherheit für produktiv. Das Gegenteil wäre, sich der eigenen Sache zu sicher zu sein. Und das wäre das Ende jeder Entwicklung. Auch hier zeigt sich ein Grundmotiv seines Denkens: Gefährlich ist nicht der Zweifel, sondern die Erstarrung. Gefährlich ist nicht der Widerspruch, sondern die Unfähigkeit, ihn zu verarbeiten. Gefährlich ist nicht das Negative, sondern seine Verdrängung.

Florian Schroeders Kunst lebt davon, sich der Möglichkeit des Scheiterns auszusetzen. Vor einem Publikum zu stehen, das nicht lacht oder nicht klatscht, „ist sehr unangenehm. Dann entwickelt man Techniken, um da wieder rauszukommen. Da spielt auch die Erfahrung rein: Irgendwann weiß man, was funktioniert.“

Ein Künstler der Zumutung

Florian Schroeder ist in der deutschen Satire eine eigenwillige Figur, weil er die bequemen Bündnisse meidet. Er ist nicht der Kabarettist, der einem Milieu zuverlässig bestätigt, was es ohnehin über die anderen denkt. Er sucht den Punkt, an dem Zustimmung verdächtig wird. Er misstraut der einfachen Lösung, der moralischen Selbstgewissheit, dem Glücksversprechen, der Empörungslust und der politischen Schublade.

Sein neues Buch über Glück passt deshalb sehr genau in sein Werk, denn es ist wie die Fortsetzung seiner Gesellschaftskritik mit anderen Mitteln. Am Ende wirkt der Autor nicht wie ein Mensch, der das Glück gefunden hat. Aber vielleicht ist das auch nicht der Punkt. Er sucht den Widerspruch, weil ohne ihn keine Erkenntnis entsteht. Und er verteidigt die Unsicherheit, weil nur sie verhindert, dass man zu früh fertig ist mit sich selbst. Statt permanent glücklich zu sein, geht es vielmehr darum, wach zu bleiben. Und dazu gehört auch, das Unangenehme auszuhalten.

Infobox

Florian Schroeder:
Widerspruch als Lebensform

Florian Schroeder
Satiriker. Autor. Speaker.

www.florian-schroeder.com

Happy End:
Warum Du ohne Glück glücklicher bist

dtv 2025, 336 Seiten, 24 €

Buchtitel Happy End Florian Schroeder dtv

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