Katja Riemann und Paula Romy über Kunst und Mut

An einem grauen Novembervormittag in Berlin plätschert der Regen gegen die Fensterscheiben, in London ist der Himmel überraschend blau. Auf dem Bildschirm suchen sich drei Generationen ihren Platz: Schauspielerin Katja Riemann, ihre Tochter Paula Romy und deren Baby. Zwischen Berlin und London, zwischen Theaterprobe und Stillpause, zwischen jahrzehntelanger Erfahrung und Aufbruch zeigen sich zwei erwachsene Persönlichkeiten, die nicht allein über Gene verbunden sind, sondern über ihre Leidenschaft für Kunst, Schauspiel, Regie, Worte und Kreation.

Text: Silke Schuster

Katja Riemann: zwischen Wahlheimat Berlin und Lebensmittelpunkt London

Die im niedersächsischen Kirchweyhe geborene Schauspielerin Katja Riemann hat als Wahlberlinerin ihren Lebensmittelpunkt inzwischen nach London verlegt, wo auch ihre Tochter Paula lebt. Ihren schauspielerischen Durchbruch hatte Katja Riemann mit Anfang 20. Für ihre Rolle im sechsteiligen Fernsehspiel Sommer in Lesmona wurde sie mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet – eine Auszeichnung, die ihr damals noch kein Begriff war. „Ich wusste nicht, was der Grimme-Preis ist“, erzählt sie lachend. „Aber ich habe mich wahnsinnig gefreut, das ist doch klar.“ Vorangegangen waren sieben Monate Dreharbeiten mit einem hervorragenden Filmregisseur, von dem Katja Riemann sehr viel über Filmschauspielerei lernte.

Das Schöne an Berlin ist,
dass man Wahlberliner werden kann.

Trotz aller Freude über die Auszeichnung war ihr immer eins am wichtigsten: ihr Handwerk zu lernen. „Ich glaube, Naivität hilft manchmal“, blickt sie zurück, „zum damaligen Zeitpunkt war ich hauptsächlich daran interessiert, meinen Beruf zu lernen.“ Sie wollte immer ans Theater und stellte im Verlauf ihrer Schauspielkarriere fest, dass ihr Herz sowohl für die Bühne als auch für den Film schlägt.

So durchlief sie unterschiedliche Stationen: Hochschule für Musik und Theater Hannover, Otto-Falckenberg-Schule München, Engagements an den Münchner Kammerspielen und am Berliner Schillertheater. Ihre Lebensstationen waren nicht allesamt frei gewählt, sondern ergaben sich zum Teil aus den Studienmöglichkeiten und Jobangeboten. Auf diese Weise kam sie auch nach Berlin. Die Stadt wurde zur Heimat für sie: „Das Schöne an Berlin ist, dass man Wahlberliner werden kann.“

Als Anfängerin im Schauspiel-Business fühlten sich ihre Lebensereignisse enorm temporeich an: „Diese Sensationen kamen so schnell hintereinander, ich habe das alles sehr intensiv durchlebt und gefühlt.“ Obwohl sich rasch Erfolge einstellten, dauerte es Jahre, bis Katja Riemann das Gefühl hatte, im eigenen Beruf wirklich angekommen zu sein. „Jetzt, 2025, habe ich das Gefühl, ich bin da, wo ich sein möchte“, erklärt sie. „Die Angst ist weg.“

Zwischen Tanzstudio und Filmset: Paula Romy sucht ihren eigenen Weg

Wenn über Paula Romy geschrieben wird, steht fast immer zuerst, dass sie die Tochter von Katja Riemann ist. Dass selbst Wikipedia hartnäckig behauptet, sie sei in München geboren, obwohl sie Berlinerin ist, ist fast schon eine passende Fußnote dazu. „Ich habe keine Ahnung, warum das Internet denkt, ich bin in München geboren“, schmunzelt sie. „Ich habe das ein paar Mal versucht zu ändern, aber es springt immer wieder zurück.“

Dabei hat sie ihren Weg längst in eine eigene Richtung gelenkt. Als Kind stand sie zwar gelegentlich vor der Kamera, merkte aber früh, dass ihre eigentliche erste Liebe dem Tanz gilt. Schon während der Schulzeit war sie Teil einer Berliner Tanzkompanie, später zog sie als Teenager nach London, um ein Internat für Performing Arts zu besuchen. „Ich kam mit dem deutschen Schulsystem nicht so gut klar“, erklärt sie. „Ich wusste, ich möchte etwas Künstlerisches machen und mich nicht durch dieses Abi in Deutschland zwängen.“ London war nah genug, um erreichbar zu sein, und weit genug, um wirklich loszulassen und den eigenen Weg einzuschlagen.

In Großbritannien machte sie ihr Abi in Tanz, Film und Schauspiel. Sie tanzte professionell, oft an Filmsets und merkte, wie attraktiv sie Regie fand. „Dass man sich alles ausdenken kann und dann wahr machen kann“, beschreibt sie den Reiz. Sie studierte Business Management mit Schwerpunkt Filmproduktion, arbeitete sich im Quereinstieg als Regieassistentin hoch. Schon seit ihrer Kindheit schreibt sie, Horror ist eines ihrer bevorzugten Genres. „Ich bin Horrorfilmfan“, sagt sie trocken. „Ich habe mit sieben schon Horrorgeschichten geschrieben.“

Es war klar, dass wir beim Thema Älterwerden bleiben wollen –
und bei Weiblichkeit, bei der Stellung von Frauen in der Gesellschaft.
Aber wir wollten das anders erzählen.

Ihr Weggang nach London in jungen Jahren sollte kein Abgrenzungsprojekt gegen die Mutter sein, aber trotzdem eine klare Bewegung in die Eigenständigkeit. „Es war mir wichtig, irgendwann Paula zu sein und nicht mehr ‚die Tochter von‘“, sagt sie. Wegzugehen, half ihr dabei, sich selbst zu finden. Zehn Jahre später arbeiten Mutter und Tochter intensiv zusammen, auf Augenhöhe.

DI·VI·SI·ON – Science-Fiction auf der Bühne

Der Impuls für das gemeinsame Projekt kam vom Theater. Das Renaissance-Theater bot Katja Riemann ein Stück an, das sich mit dem Älterwerden von Frauen beschäftigt. Ihre erste Frage war: Wer inszeniert? Weil die Antwort noch offen war, schlug sie Paula vor. Intendant Guntbert Warns reagierte sofort positiv – und ging sogar noch einen Schritt weiter. Statt eines fertigen Stücks gab es eine Carte blanche: Die beiden durften selbst schreiben und etwas Eigenes entwickeln. Ein ungewöhnlich freier Moment in einem Kulturbetrieb, in dem Förderanträge, Sparzwänge und Programmplanung sonst viel vorgeben und limitieren.

Paula Romy schildert: „Es war klar, dass wir beim Thema Älterwerden bleiben wollen – und bei Weiblichkeit, bei der Stellung von Frauen in der Gesellschaft. Aber wir wollten das anders erzählen.“ Es sollte eine One-Woman-Show werden, aber keine reine Sprechtheater-Nummer. Film spielt eine Rolle, Projektionen, ein multimediales Setting und: Science-Fiction. Die Idee kam nicht aus dem luftleeren Raum, sondern speiste sich aus Lektüre und realen Forschungsansätzen – nur radikal weitergedacht und amüsant umgesetzt.

Katja Riemann spielt in DI·VI·SI·ON eine Wissenschaftlerin im Jahr 2045. Das Stück dreht sich um ein Produkt, das die Zellteilung anregt und den Alterungsprozess ad ultimo verschiebt. Frauen bleiben reproduktionsfähig und sind somit in der Lage, wie Männer, später Familien zu gründen – oder auch noch eine zweite. Dadurch wird die biologische Asymmetrie zwischen Männern und Frauen aufgelöst. Die Fragestellung lautet: Wie reagiert die Gesellschaft auf eine biologische Gleichstellung? Die Antwort im Stück: massiver Widerstand, repräsentiert durch eine religiöse, rechtsorientierte Bewegung. Trotz der Schärfe des Themas ist DI·VI·SI·ON kein düsterer Diskursabend. „Uns war von Anfang an wichtig, zu unterhalten. Es geht um ernste, auch krasse Themen, aber der Abend ist sehr schnell, sehr lustig – man langweilt sich nicht“, beschreibt Paula Romy ihren gemeinsamen Ansatz.

Die Mischung scheint zu funktionieren. Bei der Premiere war das Haus voll, das Publikum jünger als sonst, die Reaktionen begeistert – nicht nur von Frauen. „Ganz viele Männer fanden es auch toll“, freut sich Paula Romy.

Arbeiten ohne Angst

Bei aller Spielfreude bleibt das Politische in ihrer Arbeit deutlich spürbar. Schon vor DI·VI·SI·ON haben die beiden gemeinsam Projekte umgesetzt, darunter der Dreh eines Social Spots für die Initiative Offene Gesellschaft und ein Abend über den Völkermord an den Armeniern für das Kurt-Weill-Fest in Dessau.

Dass sich beide immer wieder auf Themen einlassen, die unbequem sein können, hat auch mit ihrem Blick auf den Kulturbetrieb zu tun. Katja Riemann erlebt als Schauspielerin seit Jahrzehnten, wie sich Strukturen verändern – und mit welchen Ängsten diese verbunden sein können: Sparrunden, Förderkürzungen und die Tendenz, auf vermeintlich sichere, weil bereits bekannte Namen zu setzen. „Ich verstehe nicht, warum so viele ältere Verantwortliche so eine Angst vor der Jugend haben“, schildert sie ihre Meinung. „Alle wollen immer die ‚großen Namen‘. Aber die waren ja auch mal No Names. Es ist doch viel interessanter, Leute zu entdecken.“

Paula Romy sieht ein anderes Problem: Mut und Budget passen selten zusammen. „Wir selbst sind zwar mutig, aber wir können unsere Filme nicht allein finanzieren“, sagt sie. „Wir sind angewiesen auf Menschen, die das Geld geben – und die trauen sich oft sehr wenig. Sie springen auf Trends, statt etwas Neues zu wagen.“

Umso wichtiger erscheint beiden, Räume zu finden, in denen sie zunächst frei denken dürfen. „Die Freiheit im Prozess, wenn Künstlerinnen und Künstler kreieren, ist entscheidend“, so Katja Riemann. „Natürlich ist hier niemand beratungsresistent, wir sind angewiesen auf ein Team und Feedback. Es geht sowieso immer nur alles gemeinsam, aber wir brauchen
Freiheit im Denken und Kreieren, sonst hängt man ja im Tunnel. Da ist es eng und furchteinflößend.“

Mutter, Tochter, Team

Konfliktpotenzial gäbe es genug: eine prominente Mutter und eine Tochter, die sich im selben Feld etabliert, dazu ein gemeinsames Projekt, bei dem die eine auf der Bühne steht und die andere Regie führt. Man würde fast erwarten, dass es knirscht. „Wir sind nicht so gut im Streiten“, sagt Katja Riemann. „Wir sind beide harmoniebedürftig. Wenn es Spannungen gibt, adressieren wir die kurz und dann geht es weiter“, ergänzt Paula Romy. Katja Riemann beschreibt es als vorbeugende Ehrlichkeit. „Ich konnte irgendwann sagen: Ich brauche hier etwas von dir, was du mir gerade nicht gibst“, erzählt sie. „Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil du etwas zum ersten Mal machst. Und dann sagt Paula: Ach so, wusste ich nicht. Und wir reden darüber und lernen miteinander im Probenprozess.“

Wenn man mit Menschen arbeitet, die diese Vision teilen,
muss man sich nicht dauernd zoffen.

Entscheidend ist ihre gemeinsame Vorstellung davon, wie ein Abend wirken soll. „Wir hatten von Anfang die gleiche Vision“, so Paula Romy. „Das hilft enorm. Wenn man mit Menschen arbeitet, die diese Vision teilen, muss man sich nicht dauernd zoffen.“ Gleichzeitig ist die Rollenverteilung klar: Paula inszeniert, Katja spielt.

Perspektiven und Projekte

Die Perspektive beider Frauen scheint deutlich. Paula Romy arbeitet parallel an mehreren Filmprojekten – in der Branche fast eine Notwendigkeit, damit am Ende eines davon wirklich gedreht wird. „Ich möchte große Filme drehen“, berichtet sie. „Und mir aussuchen können, welche. Künstlerische Freiheit, gute Budgets – das ist das Ziel.“

Gleichzeitig hat sie „Blut geleckt“ am Theater, wie sie sagt. Eine nächste gemeinsame Arbeit mit dem Renaissance-Theater schwebt bereits als Idee im Raum; ein neues Thema, eine neue Geschichte. Und ein weiterer Traum: DI·VI·SI·ON nach London zu bringen.

Katja Riemann und Paula Romy wirken wie ein eingespieltes und konzentriertes Kreativteam, dem die Ideen nicht ausgehen. Vielleicht sitzt in ein paar Jahren in einer Londoner Vorstellung von DI·VI·SI·ON ein kleines Mädchen in der ersten Reihe, das heute noch auf den Arm muss, um ins Bild zu passen. Und vielleicht erzählt es später einmal, dass es in einer Familie aufgewachsen ist, in der man Geschichten erfindet – und sie dann wahr macht.


Katja Riemann
Paula Romy

DI·VI·SI·ON (Uraufführung)

ab 14.01.2026

Renaissance-Theater
Knesebeckstraße 100
10623 Berlin

Termine:
https://renaissance-theater.de/produktion/division

Portrait Katja Riemann

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