
Kultur im Kiez entdecken
Nur wenige Meter vom Ernst-Reuter-Platz entfernt steht das einzige vollständig erhaltene Art-déco-Theater Europas. Vor 100 Jahren begannen die Bauarbeiten an diesem architektonischen „Schatzkästchen an der Hardenbergstraße“, dessen Foyer Märchenhaftes verspricht, während auf der Bühne nicht selten der kalte Wind der Gegenwart bläst. Ein Besuch im wohl schönsten Theater Berlins.
Text & Fotos: Marc Lippuner
Das Gebäude, in dem sich heute das Renaissance-Theater befindet, wurde 1902 von Konrad Reimer und Friedrich Körte als Korporationshaus der Akademischen Vereinigung Motiv auf einem spitzwinkligen Eckgrundstück errichtet, an dem die Hardenbergstraße und die Knesebeckstraße zusammenlaufen. Die Studentenverbindung nutzte die Räume im Obergeschoss des Gebäudes für ihre Vereinstätigkeiten, während das Erdgeschoss gewerblich vermietet wurde. So befanden sich zu ebener Erde gastronomische Einrichtungen, u. a. eine Konditorei, eine Weinstube und ein Bierrestaurant, im Keller konnte gekegelt werden. Die finanziellen Einnahmen blieben jedoch weit hinter den Erwartungen zurück, sodass das Haus an der Hardenbergstraße nur ein Jahrzehnt später verkauft wurde. Während des Ersten Weltkriegs diente es zeitweise als Lazarett. 1919 zog ein Kino ein. Am 18. Oktober 1922 eröffnete der 31-jährige Schriftsteller Theodor Tagger in den Räumlichkeiten das Renaissance-Theater mit Lessings damals nahezu vergessenem bürgerlichen Trauerspiel Miss Sara Sampson. Als Begründer und erster Intendant setzte er programmatische Akzente, an denen sich seine Nachfolger orientierten und es auch heute noch tun: Tagger etablierte sein Theater rasch als Schauspielbühne mit literarisch anspruchsvoller Gegenwartsdramatik – etwa von August Strindberg, Luigi Pirandello oder Émile Zola – und ergänzte das Repertoire um musikalische Unterhaltungsprogramme.
Nach nur vier Jahren endete die Ära Tagger. Im Sommer 1926 erfolgte zudem der maßgebliche architektonische Umbau, der dem Renaissance-Theater sein heutiges Aussehen verlieh. Oskar Kaufmann, einer der prägenden Theaterarchitekten seiner Zeit, gestaltete das gesamte Gebäude neu. Nach seinen Plänen entstanden bereits 1907 das Hebbel-Theater, 1913 das monumentale, fensterlose Lichtspieltheater Cines am Nollendorfplatz sowie zeitgleich die Volksbühne am Bülowplatz (heute Rosa-Luxemburg-Platz). Zudem verantwortete Kaufmann den Umbau der ehemaligen Galerieräume der Berliner Secession in das Theater und die Komödie am Kurfürstendamm (1921 und 1924) sowie ab 1922 die Neugestaltung der Krolloper – das Renaissance-Theater wurde vor knapp 100 Jahren sein siebter und letzter Berliner Theaterbau.
Kaufmanns Umgestaltung des ehemaligen Vereinshauses war eine kleine Sensation. Ins Auge fiel zuallererst die neue Lichtarchitektur: Fünf schlanke, hochgezogene Rundbogenfenster aus blauem Glas strukturierten die Fassade des halbrunden Vorbaus. 1983 wurden sie von der Künstlerin Hella Santarossa mit erweitertem Farbspektrum neu gestaltet. Sie sind in der „blauen Stunde“, wenn die Nacht die Dämmerung fast geschluckt hat, besonders schön anzusehen. Darüber schwebt der Name des Hauses, gefasst in Hunderte Glühbirnen. Vom halbrunden Entrée, in dem sich die Kassenschalter befinden, gelangt man über ein paar Stufen in ein nahezu märchenhaftes Foyer. Geschwungene, mit Seide bespannte Wände, enge Wendeltreppen mit verspielten Geländern, goldgerahmte Spiegel, verschnörkelte Wandleuchten, an denen Kristalle klimpern, messingbeschlagene Türen, ein hochfloriger Teppich, schwere Garderobenvorhänge mit goldenen Borten. All dies in kontrastreichen Farben: Weinrot, Lachsrosa, Goldgelb, Ultramarin und Türkis. All dies verspricht die Flucht in eine andere Welt, noch ehe man den Zuschauerraum überhaupt betreten hat. Im Saal wartet schon die nächste kunstvolle Überraschung, jedoch noch immer nicht auf der Bühne: der wohl opulenteste Kronleuchter der Stadt, der den geschwungenen Rangbalkon beleuchtet und vor allem dessen polierte hölzerne Rückwand in dezentes Licht taucht, die mit Intarsien aus edlen Hölzern, Perlmutt und fein geschlagenem Metall die Geschichte der Commedia dell’arte erzählt und das Haus so bewusst in die Tradition des europäischen Bühnenspiels stellt. Die Intarsien zeigen Figuren wie Harlekin, Pierrot und Columbine in Szenen, die sich der Liebe widmen: Werbung, Verführung, ein heimliches Stelldichein, Intrigen, Eifersucht, eine Entführung, sogar ein Duell. Ausgeführt von Berlins bekanntester Intarsienwerkstatt Nast, geschaffen vom Maler, Grafiker, Bühnen- und Kostümbildner César Klein, der bereits zuvor im Auftrag Oskar Kaufmanns Mosaike und Deckengemälde für das Theater am Kurfürstendamm gestaltet hatte.



Zeitgenössische Kritiker wie Max Osborn ordneten Kaufmanns Stil als „expressionistisches Rokoko“ ein, weil er die strenge Klarheit der Moderne mit der Lust an dekorativer Gestaltung verknüpfte.
Am 8. Januar 1927 wurde das umgebaute Haus wiedereröffnet. Die Intendanz übernahm der 39-jährige Regisseur Gustav Hartung, der mit der Berliner Erstaufführung von Ferdinand Bruckners Drama Krankheit der Jugend, in dem eine Gruppe von desillusionierten Studierenden sich in Sex, Drogen und Kriminalität flüchten, für Furore sorgte – nicht ahnend, dass es sich bei dem Autor des Stücks um seinen Vorgänger Theodor Tagger handelte, dem es einige Jahre gelang, seine Identität geheim zu halten. Hartungs Herz hing an Stoffen, die die raue Wirklichkeit in Zeiten der Krise abbildeten, das finanzielle Risiko versuchte er mit unterhaltsamen, musikalischen Lustspielen aufzufangen, scheiterte jedoch. Zwischen 1929 und 1933 wechselten die Direktoren in kurzer Folge, im Renaissance-Theater wurden vor allem Gastspiele gezeigt. Mit Alfred Bernau begann 1933 eine Dekade, in der das Theater unter dem wachsenden Druck der Nationalsozialisten gezwungen war, einen möglichst unpolitischen und möglichst unterhaltsamen Spielplan zu präsentieren. Viele Künstlerinnen und Künstler, die das Theater in den Anfangsjahren geprägt haben, darunter Tilla Durieux, Helene Weigel, Carola Neher und Friedrich Hollaender, waren emigriert. Namen wie Adele Sandrock, Hubert von Meyerinck und Rudolf Platte sind mit der Intendanz Bauer verbunden, die 1942 endete, als die Nationalsozialisten alle Privatbühnen schließen ließen. In der Spielzeit 1943/44 nutzte Heinrich George, seit 1938 Generalintendant des Schillertheaters, das Renaissance-Theater als „Kleines Haus“, bis am 1. September 1944 alle Spielstätten den Betrieb einstellen mussten. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ließ die britische Militärregierung für einige Monate musikalische Revuen für ihr Militärpersonal aufführen.
Nach der Zeit als Berlin Show Boat kehrte das Renaissance-Theater wieder in private Trägerschaft zurück. Die folgenden drei Jahrzehnte leitete Kurt Raeck die Geschicke des Hauses, sein Spielplan changierte zwischen klassischem Theater und gehobenem Boulevard. Elisabeth Bergner, Blandine Ebinger und Lucie Mannheim, die die Nationalsozialisten ins Exil getrieben hatten, spielten nach ihrer Rückkehr hier, auch Tilla Durieux trat wieder im Renaissance-Theater auf. Viktor de Kowa, Theo Lingen, Elisabeth Flickenschildt und Grete Weiser sind weitere bekannte Namen auf den Besetzungszetteln der Raeck-Intendanz. Unangefochtener Star des Hauses wurde in den 1960er-Jahren O.E. Hasse, den das Publikum aus zahlreichen Kinofilmen kannte.



Auch die Intendanten der 1980er-Jahre – Horst Mesalla, Heribert Sasse, Kurt Boesner, Gerhard Klingenberg – setzten auf große Namen: Horst Buchholz, Maximilian Schell, Mario Adorf und Hardy Krüger spielten im Renaissance-Theater, auch überraschende Namen wie Lotti Huber und Rosa von Praunheim tauchten in den Programmheften auf. Zu den erfolgreichsten Inszenierungen gehörte Der Entertainer mit Harald Juhnke. 1995 übernahm Horst H. Filohn, seit 1977 Technischer Leiter und seit 1984 Geschäftsführer des Hauses, die Intendanz. Nachdrücklicher als seine Vorgänger setzte er auf starke Regiehandschriften, ohne indes auf prominente Besetzungen zu verzichten. Er holte die erfolgreiche Schaubühnen-Produktion Kunst mit der Originalbesetzung Udo Samel, Peter Simonischek und Gerd Wameling ans Haus. Zwanzig Jahre – von 1998 bis 2018 – stand Judy Winter als Marlene auf der Bühne. Sie verkörperte die Dietrich in mehr als 700 Vorstellungen, davon über 600 Mal im Renaissance-Thea-ter. Filohn etablierte auch das Bruckner-Foyer im Obergeschoss als zusätzlichen Veranstaltungsraum, in dem seither Lesungen und kleinere musikalische Programme vor allem als sonntägliche Matineen präsentiert werden.
Seit 2020 führt Guntbert Warns das Haus, in welchem er zuvor als Schauspieler und Regisseur engagiert war. Seine Intendanz verbindet internationale Gegenwartsdramatik mit ausgewählten Stücken der Renaissance sowie Schauspiel- und Musiktheaterproduktionen mit Berlin-Bezug. Kürzlich schlug Warns Alarm: Die vom Kultursenat für 2027 angekündigten Sparmaßnahmen würden „das wohl schönste Theater Berlins“ gefährden – und das ausgerechnet im Jubiläumsjahr. Inzwischen kann jedoch aufgeatmet werden, offenbar wird nun an anderer Stelle gespart. Im Vergleich zu den großen Bühnen der Stadt erhält das privatwirtschaftlich betriebene Renaissance-Theater mit 2,7 Millionen Euro eine nur recht geringe öffentliche Unterstützung, um mehr als 250 Veranstaltungen pro Jahr zu realisieren und zugleich das denkmalgeschützte Baudenkmal zu erhalten. Daher ist das einzigartige Haus auf zusätzliche Förderungen angewiesen. Ein zentrale Rolle spielt hier der Freundeskreis, der mit seinen Beiträgen vor allem notwendige Renovierungsarbeiten ermöglicht und damit maßgeblich dazu beiträgt, dieses „Juwel“ der Theaterbaukunst zu erhalten. Und auch ihr könnt das Theater unterstützen. Es muss ja nicht gleich die Mitgliedschaft im Förderkreis sein – es genügt schon der Kauf einiger Eintrittskarten. Denn was könnte ein deutlicheres Zeichen der Wertschätzung sein, als ein voller Saal? Zumal man dafür mit erstklassiger Unterhaltung und unvergesslichen visuellen Eindrücken belohnt wird
Persönliche Empfehlungen aus dem Spielplan
5.– 8. Februar, 26.–29. März, 4.–7. Juni 2026
Marlene
In einer Neuinszenierung von Guntbert Warns ist Sven Ratzke als die Dietrich zu erleben.
1.– 2. März, 17.–20. Juni 2026
Ewig jung
Ein herrlich skurriler Besuch in einem Altersheim für in die Jahre gekommene Bühnenstars, u. a. mit Angelika Milster, Katharine Mehrling und Dieter Landuris.
5.– 7. März 2026
Kalter weißer Mann
Eine wendungsreiche und pointierte Boulevardkomödie, die die aktuelle Diskussion um geschlechtergerechte Sprache lustvoll und allen Seiten gegenüber erfreulich ausgewogen seziert.
Infobox
Marc Lippuner
leitet seit 2017 die WABE, ein Kulturzentrum im Herzen des Prenzlauer Bergs, und ist Verleger im Querverlag. Nebenbei frönt er mit den von ihm gegründeten Kulturfritzen, einem kleinen Projektbüro für kulturelle Angelegenheiten, seiner Berlinliebe: So hat er eine monatliche Radiosendung bei ALEX Berlin und einen wöchentlichen Podcast. Im Elsengold-Verlag erscheinen seit 2019 seine Wandkalender zur Berliner Geschichte. Im
B&S Siebenhaar Verlag veröffentlichte er 2024 die Anthologie „Eldorado“ Berlin, die die Geschichte des queeren Berlins nachzeichnet.
Für unser Magazin unternimmt er kulturelle Entdeckungsreisen durch Berliner Kieze, empfiehlt eine Handvoll Kulturevents, die man in den kommenden Wochen auf keinen Fall verpassen sollte, und stellt aktuelle Berlinbücher vor


Deine Meinung ?