
Kultur im Kiez entdecken
Im April wird der Ernst-Thälmann-Park vierzig Jahre alt. Zeit für eine Liebeserklärung..
Text & Fotos: Marc Lippuner
Vier Tage, nachdem meine Eltern mit mir und meiner kleinen Schwester nach Berlin gezogen sind, wurden die architektonischen Wahrzeichen des alten Prenzlauer Bergs gesprengt. Mitbekommen habe ich davon jedoch nichts. Als am 28. Juli 1984 die drei Gasometer der IV. Städtischen Gasanstalt in sich zusammenstürzten, begrub ich, sechs Jahre alt, in unserer Friedrichshainer Altbauwohnung vermutlich gerade ein paar meiner Greifswalder Kindheitserinnerungen, während vielen Menschen aus Prenzlauer Berg der Anblick der detonierenden Kolosse zur dauerhaften Erinnerung werden sollte, waren die gewaltigen, seit drei Jahren funktionslos gewordenen Backsteinzylinder doch alltägliche, wahrhaftige Symbole für das Leben und Tun im einstigen Arbeiterbezirk. Bürgerproteste, alternative Nutzungsvorschläge und selbst der Denkmalschutz verhinderten den Abriss nicht, standen die steinernen Kolosse doch der städtebaulichen Umwandlung
Ostberlins im Weg, für die seit den 1960er-Jahren in der Innenstadt historische Kieze und ganze Straßenzüge dem Erdboden gleichgemacht wurden. Und so sollte auf dem einstigen Betriebsgelände zwischen der damaligen Dimitroffstraße und den heutigen Ringbahngleisen das entstehen, was aus Betonplatten gesetzte Wohnglückverheißung war.
1976 hatte das Politbüro des ZK der SED die „Aufgaben zur Entwicklung der Hauptstadt der DDR“ für die nächsten 15 Jahre beschlossen, und hier die Marzahner und Hohenschönhausener Peripherie in plansollerfüllende Großbaustellen verwandelt. Doch nicht nur
230 000 Neubauwohnungen sollten bis 1990 entstehen, etwa 80 000 Altbauwohnungen waren aufgrund ihrer verschlissenen Substanz zum Abriss bestimmt. So war es nur eine Frage der Zeit, bis auch der zentral gelegene Prenzlauer Berg ins Visier der Stadtplaner geriet. Die Zeiten des 1873 eröffneten Gaswerks waren bereits
gezählt, unzumutbar waren die gesundheitliche Belastung und die olfaktorische Belästigung im dicht besiedelten Prenzlauer Berg. Wo heute noch Gas verbrannt wurde, sollte morgen ein Grünanlage zur Erholung und sportlichen Ertüchtigung einladen. Keine neue Idee, denn schon vierzig Jahre zuvor war eine sukzessive Stilllegung der Gasanstalt in Betracht gezogen worden: Drei Gasometer, die an der Danziger Straße, Ecke Greifswalder standen – ebenso schön und groß wie ihre steinernen Schwestern an der S-Bahntrasse –, wurden Mitte der 1930er-Jahre abgetragen, Pläne für einen großzügig angelegten Park entstanden, in dem die drei verbliebenen Gasometer einer neuen Nutzung zugeführt werden sollten. Mit Kriegsbeginn wurde das Vorhaben nicht weiter verfolgt, ab März 1946 nahm die Gasanstalt ihre Produktion für dreieinhalb Jahrzehnte wieder auf. Als Ende der 1970er-Jahre Pläne für eine Nachnutzung des Geländes als repräsentativer Sport-, Freizeit- und Erholungspark vorgelegt wurden, verschwieg man aus naheliegenden Gründen die naheliegenden Parallelen zu den Vorschlägen aus nationalsozialistischer Zeit. Die Gasometer sollten nun, flankiert von einem Riesenrad, zum Kulturzentrum, Erlebnisbad und Planetarium werden. Erst die Erkenntnis, dass mit dem Plattmachen gründerzeitlicher Wohnhauszeilen bei zunehmender Wohnraumknappheit das proklamierte Planziel nicht erreicht werden kann, machte aus dem 25 Hektar großen Erholungspark einen innovativen Wohnpark und zugleich ein Prestigeprojekt für die 750-Jahr-Feier Berlins im Jahr 1987.
Die Greifswalder Straße, die das stillgelegte, Vergangenheit beschwörende Areal östlich begrenzte, war Teil der Protokollstrecke des Politbüros, auf der die Regierungsspitze tagtäglich zwischen Wandlitz und dem Werderschen Markt hin- und herpendelte. Der ideale Standort also für ein solch zukunftsweisendes Bauprojekt, das der Lösung der „Wohnungsfrage als soziales Problem“ um 1332 Wohneinheiten näher kam. Der „bewohnte Park“ entstand ab 1983 in rasantem Tempo – mit Einkaufsmöglichkeiten und gastronomischer Infrastruktur, einer Schule und einer Schwimmhalle. Die Punkt- und Zeilenhochhäuser, die 4000 Menschen ein fernwärmewarmes Zuhause wurden, waren umgeben von großzügig konzipierten Grün- und Gartenflächen, für jeden Bewohner wurde ein Baum gepflanzt und ein kleiner Teich komplettierte das sozialistische Wohnidyll, das den historischen Grund und Boden, auf dem es entstand, nicht gänzlich verleugnete, denn am südlichen Ende des Geländes blieben vier Verwaltungs- und Funktionsbauten der Gasanstalt erhalten, um Kultur und Gedenken im Wohnpark zu verorten. Im Klubhaus wurde nicht ganz unterm Dach das Theater unterm Dach eingerichtet, in der Zwischenetage (kurz: ZwiEt) gab es Angebote für Jugendliche, das Foyer des Klubhauses wurde gelegentlich für Ausstellungen genutzt, bevor sich Anfang der 1990er-Jahre die Galerie Parterre hier etablierte. Das einstige Laborhaus wurde zum Haus der Volkskunst mit Räumlichkeiten für die Musikschule und Werkstätten für bildende Kunst. Im Pumpenhaus, heute das Jugendzentrum Dimi, wurde 1986 das Kabinett des antifaschistischen Widerstands eröffnet, in dem Zeitzeuginnen und Zeitzeugen im Rahmen einer Dauerausstellung über den Kampf gegen den nationalsozialistischen Terror berichteten. An ein altes Regulierhaus wurde ein eingeschossiger, auffälliger Neubau mit großen, „palastderrepublikgetönten“ Scheiben angebaut: die WABE, ein Konzert- und Tanzsaal mit dem dahinterliegenden und daran angeschlossenen Rosengarten. Der Anbau verbindet sich wie sämtliche Neubauten im Park durch Klinkerapplikationen mit der alten Architektur, so auch das 1987 am einstigen Standort der Gasometer eröffnete Zeiß-Großplanetarium. Heute Europas modernstes Wissenschaftstheater, wird es damals mit seiner 30-Meter-durchmessenden Kuppel manch Alteingesessenen schmerzlich an das halbkugelige Stahldach des imposantesten der drei gesprengten Wahrzeichen erinnert haben.


Zum neuen Wahrzeichen des Prenzlauer Bergs wurde indes – staatlich verfügt und umgehend ins Bezirkswappen implementiert – ein anderes Werk im Wohnpark: das vom sowjetischen Bildhauer Lew Kerbel geschaffene, an der Protokollstrecke auf einen großzügig bemessenen Paradeplatz gesetzte Ernst-Thälmann-Denkmal. Die 50 Tonnen schwere, auf einen Sockel aus ukrainischem Granit gesetzte Plastik soll mit Bronze arbeitenden Künstlerinnen und Künstlern in der DDR über Monate die Arbeitsgrundlage entzogen haben, weil sämtliches verfügbare Material für die Herstellung der 15 Meter hohen und 14 Meter breiten Büste des Arbeiterführers abgezogen worden sein soll. Anlässlich des 100. Geburtstags Ernst Thälmanns am 16. April 1986 wurde das architektonische Prestigeprojekt von Erich Honecker in Anwesenheit Michail Gorbatschows feierlich eingeweiht.
Mitbekommen habe ich von all dem nichts. Für einen Achtjährigen, der am Ostbahnhof wohnte, war der Prenzlauer Berg eine Weltreise entfernt. Vermutlich werde ich im Heimatkundeunterricht von der Einweihung des Denkmals und damit überhaupt von der Existenz des Neubauviertels erfahren haben. Dass mit der Wohnsiedlung auch der nahe gelegene S-Bahnhof den Namen Ernst-Thälmann-Park erhielt, trübte mein durchwegs heiteres Gemüt, war doch die Greifswalder Straße auf von mir an Bahnhofsschaukästen gern konsultierten Netzfahrplänen heraufbeschworene Erinnerung an glückliche Ferienzeiten bei der in meiner Geburts- und Kindergartenzeitstadt verbliebenen Großmutter. Mein Jungpionierherz war hin- und hergerissen zwischen abmontiertem Heimatgefühl und fibelhafter Thälmann-Verehrung, schloss doch das orangefarbene Lesebuch der ersten Klasse mit staatskonform und kindgerecht aufbereiteten Gedanken an unser aller Teddy: „Ernst Thälmann liebte die Kinder. Er forderte vor allem für die Kinder der Arbeiter immer genug zu essen, helle Wohnungen und Schulen, in denen sie viel lernen können. Wie würde sich unser Ernst Thälmann freuen, wenn er sehen könnte, wie glücklich alle Kinder bei uns heute sind!“ Lange unglücklich war ich wegen der Umbenennung der S-Bahn-Haltestelle nicht, die Straße selbst behielt ja ihren Namen. Ich hatte immer genug zu essen und ging in eine Schule, in der ich viel lernte. Nur mit der hellen Wohnung ließ man uns warten. In eine solche zogen wir erst, als der S-Bahnhof schon wieder Greifswalder Straße hieß und das Thälmann-Denkmal aus dem Bezirkswappen verschwunden war. Dass das Denkmal selbst nicht komplett verschwand, verstehen viele bis heute nicht, dass der gesamte Wohnpark wegen seiner herausragenden Bedeutung innerhalb der Berliner Stadtbaugeschichte seit 2014 unter Denkmalschutz steht, noch weniger.


Die Diskussionen gingen an mir alle vorbei, ich schenkte den Hochhäusern des Ernst-Thälmann-Parks allenfalls flüchtige Blicke, wenn ich mit meinem Moped gelegentlich die Danziger Straße hoch- oder runterknatterte.
2010 wurde das Theater unterm Dach, das in den ehemaligen Wohnräumen des Direktors der Gasanstalt eingerichtet worden war, mein künstlerisches Zuhause. Hier durfte ich regelmäßig dokumentarische Theaterprojekte inszenieren, ich probte in den Räumlichkeiten des Rosengartens im Gebäude nebenan, zu DDR-Zeiten Restaurant mit gehobener Küche, dann Diskothek, zuletzt Atelier und Depot. In den frühen Abendstunden schepperte der Soundcheck aus der WABE in unsere Konzentration. Meine Fördergelder rechnete ich im einstigen Haus der Volkskunst ab, in dessen oberster Etage über einer riesigen Keramikwerkstatt und kleineren Atelierräumen die kommunale Kultur verwaltet wird.
Sechs Jahre sollte es dauern, bis ich 2016 im Rahmen des 30-jährigen Geburtstags des Ernst-Thälmann-Parks die Möglichkeit erhielt, die Geschichte des Kulturareals, die unlöslich mit der Geschichte von Gasanstalt und Wohnpark verbunden ist, künstlerisch zu kommentieren. Im Bezirksmuseum wühlte ich mich vorbereitend durch Schwarz-Weiß-Fotomappen und blaugepauste Dokumente, befragte Angestellte und betrank mich mit Anwohnern. Im Anschluss war ich verliebt. In den Park, in seine Geschichte, in die Menschen dort. Wenige Wochen nach dem Jubiläum wurde die Leitung der WABE ausgeschrieben. Kulturmanagementstudiert, fördergelderantragsmüde und noch ganz frisch thälmannparkverknallt bewarb ich mich. Seit 2017 war ich nun nahezu täglich hier, um in dem achteckigen Saal der WABE, der tatsächlich einer der schönsten und atmosphärischsten Veranstaltungsräume Berlins ist, Musik, Kunst, Kultur ein Zuhause zu geben.
Nun wird das Kulturareal, das wir vor einigen Jahren zur Kulturinsel erklärt haben, vierzig Jahre alt. Gern hätten wir das Jubiläum im April mit einem großen Fest in unseren Räumlichkeiten gefeiert. Stattdessen stapeln wir Umzugskartons, bauen Traversen ab, rollen Kilometer von Kabeln auf und putzen Dutzende von Scheinwerfern. Jahrelang warteten wir auf den Beginn der dringend notwendigen Sanierung, nun kommt sie ein paar Wochen zu früh.
Und nun? Nun wird die Pforte, das kleine Ausstellungshäuschen am Eingang zur Kulturinsel, im April zum begehbaren Archiv, in dem wir die letzten vier Jahrzehnte Kultur im Ernst-Thälmann-Park im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar machen wollen. Mit dieser kleinen Ausstellung eröffnen wir unseren Jubiläumssommer, den wir bis in den Herbst hinein auf unserer Gartenbühne mit zahlreichen Veranstaltungen feiern möchten. Die Kollegen vom Theater unterm Dach arbeiten an einem Dokumentarfilm über die Geschichte des Hauses, ich sitze zur Zeit an einem großen WABE-Buch mit Erinnerungen aus vier Jahrzehnten, das im Sommer erscheinen wird.
Die WABE und das Theater sind ab Mitte April bis zum Ende der Sanierung, die sich mindestens drei Jahre hinziehen soll, in der Schönfließer Straße 7 zu finden, wo gerade eine kleine, feine Bühne eingerichtet wird. Die Kurse der Jugendtheateretage wurden bereits in die Atelierräume verlagert, in der Galerie Parterre plant man site specific exhibitions an außergewöhnlichen Orten, bis der Ausweichstandort bezugsfertig ist.
Infobox
Marc Lippuner
leitet seit 2017 die WABE, ein Kulturzentrum im Herzen des Prenzlauer Bergs, und ist Verleger im Querverlag. Nebenbei frönt er mit den von ihm gegründeten Kulturfritzen, einem kleinen Projektbüro für kulturelle Angelegenheiten, seiner Berlinliebe: So hat er eine monatliche Radiosendung bei ALEX Berlin und einen wöchentlichen Podcast. Im Elsengold-Verlag erscheinen seit 2019 seine Wandkalender zur Berliner Geschichte. Im
B&S Siebenhaar Verlag veröffentlichte er 2024 die Anthologie „Eldorado“ Berlin, die die Geschichte des queeren Berlins nachzeichnet.
Für unser Magazin unternimmt er kulturelle Entdeckungsreisen durch Berliner Kieze, empfiehlt eine Handvoll Kulturevents, die man in den kommenden Wochen auf keinen Fall verpassen sollte, und stellt aktuelle Berlinbücher vor


Deine Meinung ?