Kulturfritzen

Folge 31: Nordend

Straßenbahndepot

Kultur im Kiez entdecken

Eine kleine Ortslage, in der es viel zu entdecken gibt.

Text & Fotos: Marc Lippuner

Umrahmt von Niederschönhausen und Schönholz, Rosenthal, Blankenfelde und Französisch-Buchholz markiert die kleine Ortslage Nordend heute keineswegs das nördlichste Ende Berlins. Als sie ab 1871 auf einem zu Bauland umgewidmeten Manövergelände in der Rosenthaler Feldmark entstand, lag sie jedoch noch weit vor den Toren der bereits stetig wachsenden Stadt. Die Landhaussiedlung erhielt ihren programmatischen Namen zeitgleich mit der Kolonie Südende, die Teil der Landgemeinde Mariendorf war, und wenige Jahre nach dem als reines Villenviertel konzipierten Westend, das seinen Namen dem vornehmen Londoner Stadtteil entlieh. Auch ein Ostend hätte es als noblen Vorort an der Wuhlheide geben sollen, doch die Industrie in Oberschöneweide beanspruchte die Fläche für sich und von der Idee blieb nur ein Straßenname.

Eine auf sich selbst verweisende Straße gibt es auch in Nordend, noch zur Jahrhundertwende markierte sie als Rosenthaler Grenzweg den Norden der Landgemeinde Niederschönhausen. Auf einem überschaubaren Terrain entwickelte sich die Kolonie überraschend langsam, bedenkt man, wie groß die Wohnraumnot in der jungen Kaiserstadt war. Es sollte fast vierzig Jahre dauern, bis aus den ursprünglichen einhundert Einwohnern eintausend wurden. Nur peu à peu entstanden von großen Gärten umgebene Vorstadtvillen, darunter zweigeschossige Stadtvillen im italienischen Landhausstil mit einem an die Seite gestellten quadratischen Turm. Zwei davon verstecken sich heute hinter dichten Hecken und ausladenden Baumkronen in der Ahornallee 9 und der Schönhauser Straße 41. Landwirte errichteten Bauernhöfe mit Scheunen und Feldern auf den straßenabgewandten Seiten, Gärtnereien siedelten sich an, entlang der Kastanienallee bildete sich um den heute namenlosen Kronprinzenplatz ein sehr bescheidenes Zentrum mit Handwerks- und Dienstleistungsgeschäften heraus. Um der sukzessive größer werdenden Nordender Kinderschar den Weg nach Rosenthal zu ersparen, wurde hier in einem einstöckigen Backsteinbau 1894 eine eigene Schule eröffnet. In jenen Jahren rückte die Metropole immer näher an die verschlafene Landhauskolonie heran. 1890 wurden im nördlich gelegenen Blankenfelde aus Ackerflächen Rieselfelder, auf denen die Abwässer aus der Berliner Innenstadt gereinigt wurden.

1897 legten vier Innenstadtgemeinden – die Zions- und die Gethsemanegemeinde aus Prenzlauer Berg sowie die Friedens- und Himmelfahrtsgemeinde aus Gesundbrunnen – östlich der Landhauskolonie Friedhöfe an. Zur Einweihung des Gethsemanefriedhofs gehört eine eigentümliche Anekdote: Da zur geplanten feierlichen Eröffnung am Himmelfahrtstag 1897 kein Verstorbener vorhanden war, erbat man sich von der Zionsgemeinde die Leiche eines Knaben, der im Alter von fünf Monaten verstorben war. Das mit einem schlichten Marmorkreuz geschmückte Grab ist noch heute in der Nähe des Eingangs zu besichtigen. Spektakuläre Grabstellen sucht man vergeblich, auch Prominente wurden hier nicht zur letzten Ruhe gebettet, die neogotischen Kapellen und Funktionshäuser ähneln denen vieler anderer Berliner Friedhöfe. Bemerkenswert ist die hölzerne Wartehalle gegenüber der Gethsemane-Kapelle, eine der letzten, die noch erhalten sind. Um den Verkehrslärm der Dietzgenstraße auszublenden, lohnt ein Spaziergang tief in den Friedhof hinein: Die hinteren Flächen sind über die Jahre zugewachsen und zu einem Wald geworden. Seit 2013 wird in dem Bereich niemand mehr bestattet, über eine anderweitige Nutzung des Geländes nach Ende der festgesetzten Ruhezeit wird nachgedacht. Die nächsten Jahre wird man hier bei einem Spaziergang aber noch wunderbar der Hektik des Alltags entfliehen können.

Die Ruhe und Beschaulichkeit der gesamtem Siedlung dürfte auch ein Grund dafür gewesen sein, dass sich eine Vielzahl von Nervenärzten hier niederließ, darunter Dr. Karl Oestreicher, der bereits 1890 in der Schönhauser Allee 41 (damals 26–28) eine Privatklinik für Geisteskranke samt Wohnhaus errichten ließ, die später ein katholischer Fürsorgeverein übernahm, der geistig verwirrte Patienten vor dem Euthanasie-Programm der Nazis bewahrt haben soll. 1905 eröffnete Dr. Wilhelm Dousquet in unmittelbarer Nachbarschaft auf dem dreieckigen Gelände südlich der Mittelstraße das Kranken- und Genesungshaus Nordend, eine Reformklinik, die Therapie mit Licht, Luft und Sonne versprach. Berühmtester Patient war der von den Nationalsozialisten verhasste Publizist und Nobelpreisträger Carl von Ossietzky, der sich hier ab Herbst 1936 von den schweren Misshandlungen durch die SS und von der Tuberkulose, die er sich in den Konzentrationslagern zugezogen hatte, erholen sollte, am 4. Mai 1938 jedoch verstarb. Die Klinik wurde 1943 zerbombt. Zu DDR-Zeiten stand hier ein von der britischen Botschaft genutztes Gebäude, das nach der Wiedervereinigung einem Wohnungsneubau wich – einem von vielen, die seit den 1990er-Jahren in Nordend entstanden sind. Einen ersten bemerkenswerten Bauboom gab es bereits nach der Jahrhundertwende, als auf dem Gelände südlich der Friedhöfe ein Betriebshof der Großen Berliner Straßenbahn (GBS) eröffnet wurde, mit dem zugleich das Streckennetz bis Nordend erweitert worden war. Die Anbindung durch die Elektrische dürfte den Zuzug nach Nordend erheblich beschleunigt haben, so sind beispielsweise im Berliner Adreßbuch von 1909 zahlreiche Parzellen als Baustellen ausgewiesen.

Der Entwurf der Halle des 1901 eröffneten Straßenbahndepots mit seinen 19 romanisierenden Rundbogentoren geht auf den technischen Leiter der GBS, Joseph Fischer-Dick, zurück, der zeitgleich auch an sieben anderen Orten in Berlin und seinen Vororten Betriebshöfe für den elektrischen Straßenbahnbetrieb realisierte. 1924 wurde die Anlage, die 190 Bahnwagen Platz bot, durch Jean Kraemer (den Architekten des Verkehrsturms am Potsdamer Platz) erweitert und erhielt ihre heutige neusachliche Anmutung. Bis vor wenigen Jahren beheimatete der Denkmalpflegeverein Nahverkehr Berlin (DVN) in dem Depot seinen Bestand an historischen Fahrzeugen der Berliner Straßenbahn. Mittlerweile ist ein Teil des Gebäudekomplexes einsturzgefährdet. Trotz Denkmalschutzauflagen sichern die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) das Objekt bislang nur notdürftig.

Ebenfalls denkmalgeschützt und wesentlich besser in Schuss ist die Siedlung der Straßenbahner, die zwischen 1927 und 1930 in der Schillerstraße, direkt hinter dem Betriebshof, errichtet wurde.

76 Wohnungen entstanden in fünf zwei- und dreistöckigen Klinkerbauten, die Karl Mohr und vermutlich auch Jean Kraemer entwarfen. Aufgelockert wird die gleichförmige Bauweise durch große Rasenflächen und eine gegliederte Heckenbepflanzung, sodass das Ensemble seine Herkunft aus dem städtebaulichen und sozialen Geiste des Neuen Bauens nicht verleugnen kann.

Auch in der Landhaussiedlung wurde in jenen Jahren noch einmal nachverdichtet. Größere und kleinere Wohnkomplexe entstanden, darunter Heinrich Möllers dunkel verklinkerte Reihenhausgruppe im expressionistischen Stil in der Nordendstraße 74–76a, deren Türen schmuckvoll und individuell von Backstein eingefasst sind. Am Rollberg 3 steht ein weiteres Haus des Architekten mit nahezu identischem Außenschmuck. Auch hier ragen in regelmäßigen Abständen einzelne Steine aus der Klinkerfassade hervor. Möllers Bauten sind als Baudenkmale verzeichnet, wie auch das letzte, das hier noch erwähnt werden soll. 1909 entstand an der damals noch namenlosen Kirchstraße ein von Fritz Gottlob entworfenes Gemeindehaus mit Kirchsaal, Kindergarten und Pfarrdienstwohnung. Dem Gebäude, das Neorenaissance und geometrischen Jugendstil kombiniert, sollte eine große Kirche folgen, der Erste Weltkrieg und die Inflation ließen diese Pläne jedoch platzen. Im Krieg teilzerstört, erfolgte der Wiederaufbau in vereinfachter Form. 1955 wurde auf der Kirchwiese ein Glockenturm aus Granitsteinen errichtet, dessen mittlere Glocke ursprünglich im Dachreiter des Gemeindehauses hing. Neben dem eleganten Kirchengebäude wirkt der Kampanile etwas plump. Einer von vielen irritierenden wie überraschenden Gegensätzen, die sich in der einstigen Landhauskolonie entdecken lassen und die gerade deshalb aus dem kleinen Örtchen am Rande der Stadt ein großes Stück Berlin machen.


Infobox

Marc Lippuner

leitet seit 2017 die WABE, ein Kulturzentrum im Herzen des Prenzlauer Bergs, und ist Verleger im Querverlag. Nebenbei frönt er mit den von ihm gegründeten Kulturfritzen, einem kleinen Projektbüro für kulturelle Angelegenheiten, seiner Berlinliebe: So hat er eine monatliche Radiosendung bei ALEX Berlin und einen wöchentlichen Podcast. Im Elsengold-Verlag erscheinen seit 2019 seine Wandkalender zur Berliner Geschichte. Im
B&S Siebenhaar Verlag veröffentlichte er 2024 die Anthologie „Eldorado“ Berlin, die die Geschichte des queeren Berlins nachzeichnet.

Für unser Magazin unternimmt er kulturelle Entdeckungsreisen durch Berliner Kieze, empfiehlt eine Handvoll Kulturevents, die man in den kommenden Wochen auf keinen Fall verpassen sollte, und stellt aktuelle Berlinbücher vor

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