… wo wird es sein?

Eine Kolumne von Wladimir Kaminer

Nach dem plötzlichen Verschwinden des Buckelwals aus den deutschen Nachrichten scheint das Land schwer mit seiner Regierung beschäftigt zu sein. Die allerwichtigste Frage, die man sich stellt, lautet: Warum geht es mit Reformen nicht voran? Laut Umfragen ist die Mehrheit mit der Arbeit der derzeitigen Regierung unzufrieden.

Die Unzufriedenheit der Wähler lenkt das politische Geschehen, die Wähler fühlen sich übergangen, schon wieder falsch gewählt. Was ist nun falsch?

Es fehlt nicht an den Parteien, es sind genug Parteien da, doch ihre Vertreter scheinen bei dem Wahlvolk nicht zu punkten. Die Wähler können nur diejenigen wählen, die kandidieren, sie haben auf die Auswahl der Kandidaten keinen Einfluss.

Und die Kandidaten sind unvollkommen, jeder hat eine Macke. Wenn man bloß die wirtschaftliche Kompetenz des Herrn S. mit der Glaubwürdigkeit der Frau R. dazu den Freigeist von Herrn G. und die dicke Haut von Herrn P. (am besten noch mit dem Dackelblick des Hern H., ist aber keine Bedingung) zusammenschmelzen könnte, das wäre ein idealer Kandidat, der würde Deutschland wachküssen, denken die Wähler. Ist ein solcher Kandidat bloß Wunschdenken oder kann man da was drehen? Ja, man kann. Der technische Fortschritt macht es möglich.

Mithilfe der künstlichen Intelligenz wäre ein solcher preiswerter Kandidat leicht herzustellen und mit regelmäßigen Updates auf dem neuesten Stand zu halten, er könnte tagelang Reden halten, er würde alle Sprachen der Welt beherrschen und niemals stolpern. Nun steckt die KI noch am Anfang ihrer politischen Karriere, die Menschen sind träge und konservativ, sie sind wie immer jeder Neuerung misstrauisch gegenüber. Sehr langsam, auf leisen Pfoten nähert sich die neue Technologie dem politischen Betrieb, zuerst als witzige Deepfakes in Social Media, als Abwesenheitsvertretung eines krank gewordenen Amtsträgers und auch schon mal als erste digitale Ministerin für Korruptionsbekämpfung, wie es in Albanien der Fall ist.

Die Russen vermissten ihren Schirinowski, den verstorbenen Vorsitzenden der Liberal-Demokratischen Partei, die weder liberal noch demokratisch war, was aber niemanden störte. In Russland ist nichts so, wie es heißt. Der Witzbold Schirinowski sorgte für Unterhaltung im Parlament.

In der Zeit der Pandemie hatte er allerdings eine übertrieben große Angst vor dem unbekannten Erreger entwickelt und sich mit Vakzinen aller Art zu Tode geimpft, wie es unter seinen Anhängern erzählt wird. Nach seinem Tod schafften seine Leute mithilfe der KI einen ewig lebenden Schirinowski. Der wieder zum Leben erweckte Politiker tritt nun auf allen möglichen Bühnen, Kongressen und in TV-Sendungen auf, spritzig, witzig, frech, ganz wie der alte.

Überall auf der Welt werden Deepfakes von lebenden Politikern als Waffe im Wahlkampf eingesetzt. In der Slowakei kurz vor Robert Ficos Wahl war der Avatar seines Hauptkonkurrenten von der Partei Progressive Slowakei im Netz mit einer provokativen Rede aufgetaucht, im Fall seines Sieges wolle er die Bierpreise erhöhen. Die Bierpreise sind in der Slowakei nationales Heiligtum, das Bier ist Hauptnahrungsmittel.

Die Empörung der Bevölkerung war groß, die Erklärung des Kandidaten, dass es sich um einen Deepfake handele, konnte ihn nicht mehr retten. Es gibt kein Rauch ohne Feuer, argwöhnte das Volk.

In London machte eine Aufnahme die Runde, wie Sadik Chan abwertend von „Remembrance Day“ sprach, er würde diesen Gedenktag am besten aus dem Kalender streichen.

Die Aufnahme war gefälscht, die Empörung darüber echt und kostete dem Bürgermeister beinahe sein Amt.

Während der letzten Wahl in den USA agitierte KI mit einem manipulierten Biden für Trump, und in Pakistan sprach der Premierminister frei zu dem Volk, obwohl er in Wahrheit im Knast saß. Beispiele für den Einfluss der KI auf politische Geschehnisse gibt es ohne Ende. Längst gestorbene Politiker werden in Indien und Indonesien zum Leben erweckt und in Albanien kämpft wie gesagt die hübsche KI-Ministerin Diella rücksichtslos gegen Korruption.

Sollte es in naher Zukunft zu einem echten KI-gesteuerten Präsidenten kommen, tippe ich auf Russland.

Dafür sprechen viele Faktoren. Erst einmal lautete die offizielle Politik der letzten zwanzig Jahre „Ohne Putin kein Russland“, alle haben sich an den Mann gewöhnt, jemand anderer in dieser Funktion ist nicht haltbar. Zweitens hat sich Russland schon öfter als Experimentierfeld der Geschichte zur Verfügung gestellt, siebzig Jahre lang Kommunismus auf- und später abgebaut, die Bevölkerung zeigte sich stets äußerst geduldig und in hohem Maß loyal, auch dem technischen Fortschritt gegenüber.

Der Wille der Eliten, die vorhandene politische Situation auf eine Ewigkeit zu verlängern, ist ebenfalls vorhanden, der Präsident selbst sieht sich im Zeithorizont von 150 Jahren als unersetzlich, wie er in einem Gespräch mit dem chinesischen Kollegen bereits erwähnte, die technischen Kapazitäten sind vorhanden.

In der Wahrnehmung der Bevölkerung existieren übrigens drei Putins, die unter den Spitznamen Der Festredner, Der Jäger und Der General bekannt sind. Sie alle könnten als KI-Modelle weiter agieren, vorausgesetzt die Stromversorgung wird nicht unterbrochen.

Infobox

Wladimir Kaminer

Privat ein Russe, beruflich ein deutscher
Schriftsteller, ist er die meiste Zeit
unterwegs mit Lesungen und Vorträgen.
Er lebt seit 1990 in Prenzlauer Berg.

Kürzlich erschien sein neues Buch
Mahlzeit!
Geschichten von Europas Tischen

im Goldmann Verlag.

www.wladimirkaminer.de

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