Kurz und Knapp Portrait

„Kurz und knapp“ – Be van Vark

Be van Vark Choreografin Tänzer ohne Grenzen Berlin Interview

„Kurz und knapp“ ist eine Interview-Serie des Berliner Fotografen Jens Wazel.

Documentary: www.jenswazelphotography.com/Documentary/Arts

Kurz und knapp … wer bist du?

Ich bin künstlerische Leiterin von Tänzer*ohne Grenzen e.V., Choreografin und künstlerische Forscherin in Berlin. Ich entwickle partizipative Projekte, in denen ich mit professionellen und nicht-professionellen Performern und Performerinnen in kollektiven Prozessen arbeite.

Wie machst du das?

Im Zentrum steht Tanz als soziale und politische Praxis. Meine Projekte schaffen Räume der Begegnung, in denen unterschiedliche soziale Gruppen, Generationen und kulturelle Kontexte zusammenkommen und in denen gesellschaftliche Fragestellungen durch verkörperte Praxis verhandelt werden.

Warum Tanz?

Ich habe schon mit fünf Jahren gesagt, dass ich Tänzerin werden will, obwohl es in meiner Familie dafür keine Vorbilder gab. Tanz war für mich früh etwas, das unmittelbar mit gelebtem Leben zu tun hat – mit Körper, Verstehen und Freiheit.

Mit 16 war ich Hausbesetzerin im Kukuck, einem Kunst- und Kulturhaus am Anhalter Bahnhof. Wir waren gut 100 Leute und haben als Kollektiv gelebt. Es war sehr anarchisch und unser Leben war von Kunst bestimmt: Jeder Mensch ist ein Künstler, das Leben ist Kunst. Die Hausbesetzerszene in den 80ern war auch eine sehr politische Zeit, die mich bis heute prägt, auch in meiner Tanzpraxis: die Verbindung von Kunst und Leben, Erleben und politischem Raum, Körper und Gesellschaft.

Wie ging es weiter?

Ich habe in der freien Szene Berlins zunächst als Tänzerin und Performerin gearbeitet. 1994 habe ich meine eigene Kompanie gegründet und das Theater am Halleschen Ufer wurde mein Zuhause.

Parallel dazu habe ich im Kunst- und Kulturhaus
Schlesische 27 gearbeitet, in einem Team von ca. 70 Künstlerinnen und Künstlern. Ein wichtiges Projekt für mich war 2007 im Park des Bundeskanzleramts: eine große Produktion mit 300 jungen Künstlerinnen und Künstlern aus allen EU-Staaten.

Das war der Beginn von dem, was sich seitdem als meine Praxis etabliert hat: große partizipative Projekte auf der Bühne und im öffentlichen Raum. Ich habe dann das multimediale Konzept tanztheater-global entwickelt, in dessen Rahmen über vierzig internationale Produktionen entstanden sind.

2011 haben wir den Verein Tänzer*ohne Grenzen e.V. gegründet, und inzwischen finden die meisten meiner Arbeiten unter diesem Dach statt. Wir sind ein eng gestricktes Netzwerk – im Kern Tänzerinnen und Tänzer, aber auch Filmemacherinnen, Schriftstellerinnen, Animationsfilmerinnen und Musikerinnen – interdisziplinär und interkulturell.

Warum ohne Grenzen?

Wir arbeiten lokal und regional, aber ein sehr großer Teil unserer Arbeit ist international. Im Rahmen der Global Water Dances haben wir in den letzten Jahren biennal rund 20 internationale Standorte unterstützen können, viele davon im globalen Süden, wo Wasserfragen und Kulturförderung besonders dringlich sind.

Daraus ist auch unsere Zusammenarbeit mit der Street Child Empowerment Foundation in Accra/Ghana entstanden. 2025 entwickelten wir dort mit jungen Tänzern und Tänzerinnen das Stück The Water Between Us, das persönliche Geschichten mit Themen wie Wasser als Menschenrecht, Klimawandel und sozialer Gerechtigkeit verbindet. Die Weiterentwicklung wird 2026 in Berlin gezeigt.

Ohne Grenzen bedeutet auch, bewusst an Orte zu gehen, wo es herausfordernd ist, und mit Menschen am Rand der Gesellschaft zu arbeiten, zunehmend auch mit älteren Menschen sowie Menschen mit Demenz oder Parkinson.

Wie bei Eine Stadt tanzt …

Das ist ein Tanzprojekt in Halle, wo wir in den letzten 15 Jahren eine enge Verbindung mit der Bürgerstiftung Halle eingegangen sind und daraus ein sehr verbündendes Netzwerk entwickelt haben, besonders mit Tänzern und Tänzerinnen, die 60-Plus sind und aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten kommen. Es gibt diesen schönen Satz: „Auf der Bühne sind wir eins.“

In einem anderen Projekt hatte ich einen jungen Tänzer aus Brandenburg mit einem syrischen Flüchtling zusammen untergebracht. Der junge Mann hatte rechtes Gedankengut, und das hat sich tatsächlich durch diese künstlerische und menschliche Begegnung verändert. Das ist für mich wichtig: positive Narrative zu unterstützen und Möglichkeiten des Miteinanderseins aufzuzeigen. Und das geht mit Tanz.

Warum geht das?

Im Tanz sind wir temporäre Gemeinschaften, die kurze Momente gelebter Utopie miteinander teilen können und wo wir ein ziemlich horizontales, hierarchiefreies Miteinander pflegen. Gleichzeitig interessiert mich, wie man auch in einer Gemeinschaft seinen Platz als Individuum findet.

Dazu kommt, dass Tanz im Gehirn wie ein neuronales Feuerwerk ist. Du entscheidest dich in jeder Millisekunde, gehst rauf oder runter, du drehst dich, bewegst die Hand, gleichzeitig aber auch noch dein Becken. Man trifft ständig Entscheidungen und wird so vom Zuschauer zum aktiven Gestalter des eigenen Handelns. Eines meiner persönlichen Leitbilder ist: Demokratie beginnt dort, wo Menschen befähigt werden, Entscheidungen zu treffen – genau wie im Tanz.

Und Hildegard?

Hildegard habe ich 2016 bei einem Nachbarschaftsprojekt im Westend kennengelernt. Sie tauchte auf und hat mit ihren Krücken sofort ein Solo getanzt. Seitdem hat sie an vier Tanzprojekten mitgewirkt. Aktuell haben wir den Tanzfilm Ich gehe langsam aus der Welt heraus realisiert: ein Film über das Leben und das Sterben.

Für mich war dabei die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Sterben sehr wichtig – in meiner Familie sind in den letzten Jahren drei Menschen gestorben. Hildegard ist mit ihren jetzt 97 Jahren eine wirklich mutmachende Erscheinung; sehr lebendig und gegenwärtig, reflektiert und mit klarer politischer Haltung, aus der gelebte Geschichte spricht.

Du hast für deine Arbeit das Bundesverdienstkreuz bekommen …

Ja, das war 2018. In der Laudatio stand, dass ich zeige, „dass Kultur keine elitäre Luxusbeschäftigung ist, sondern zur Existenz eines jeden Menschen gehört“. Die Würdigung dieser Haltung bedeutet mir viel und hat mich sehr gefreut.

Unterrichtest du auch?

Seit 2018 bin ich Co-Leiterin des Zertifikatskurses Creating Dance in Arts and Education am Career College der Universität der Künste Berlin. Ich habe auch an der Universität der Künste Braunschweig unterrichtet, am Mozarteum Salzburg, an der Zürcher Hochschule der Künste, an der Bauhaus-Universität Weimar und bei Seneca Berlin und an vielen anderen Schulen, Universitäten und bei Festivals weltweit.

Was sind aktuelle Projekte?

2025/26 arbeiten wir zu den Themenkomplexen MUT und WIR. Gerade in aktuellen gesellschaftlichen Spannungsfeldern werden Mut und Gemeinschaft zu zentralen Ressourcen – als Voraussetzung für Begegnung, für Verantwortung. Das zeigt sich im Sich-Einlassen, im Sichtbarwerden, im Aushalten von Unsicherheit und im gemeinsamen Gestalten.

In diesem Rahmen fanden verschiedene Projekte deutschlandweit und auch in Polen statt, unter anderem die grenzüberschreitende Landpartie What we share und ein Tanz-, Chor- und Musikprojekt mit über hundert Mitwirkenden in der Heilig-Kreuz-Kirche Berlin. 2026 führen wir die Arbeit fort, unter anderem mit einem generationsübergreifenden Stück im Feldtheater.

Aktuell beginnen wir das Projekt deepART!saar in Saarbrücken. Hier verbinden wir Tanz, Musik und gesellschaftlichen Dialog. Menschen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft entwickeln gemeinsam eine Choreografie, die 2027 bei den Musikfestspielen Saar gezeigt wird.

Wo in Berlin wohnst du?

Ich bin 2009 nach Neukölln gezogen und wohne in einem Haus mit einem wunderschönen Garten direkt am ehemaligen Flughafen Tempelhof. Es gibt Obstbäume, ich mache Marmelade, und ich habe eine Hängematte. Und das mitten in Neukölln!

Zum Anfang war das Umfeld noch recht homogen, aber inzwischen gibt es mehr Diversität, das finde ich gut. Der Bezirk ist zwar jetzt auch von Touristen überrannt, aber hat nach wie vor auch etwas Nachbarschaftliches. Meine Familie, inklusive drei Enkel, wohnt nicht weit entfernt in Kreuzberg. Das ist schön und wir sehen uns oft. Natürlich tanzen wir auch miteinander.

Ist dir ziviles Engagement wichtig?

In der freischaffenden Arbeit ist sowieso vieles ehrenamtlich. Wenn ich zum Beispiel einen ganzen Vormittag damit verbringe, die Visa-Beschaffung für unsere Partner und Partnerinnen aus Ghana zu organisieren, dann ist das ein Beitrag, den ich unentgeltlich leiste. Generell gehört für mich zivilgesellschaftliches Engagement ganz selbstverständlich zum Leben dazu.

Das zeigt sich im Kleinen, etwa im Verwaltungsbeirat unseres Hauses, genauso wie im Austausch mit anderen Partnern und Partnerinnen und mit Netzwerken, zum Beispiel bei Gute Kräfte Berlin, einem etablierten Netzwerktreffen der Berliner Zivilgesellschaft. Dort begegne ich vielen engagierten Menschen aus Kultur, Sozialem, Sport oder der Obdachlosenhilfe. Es ist sehr ermutigend zu erleben, wie dort Kräfte zusammenkommen, sich bündeln und gegenseitig stärken.

Du bist viel unterwegs?

Ich reise unheimlich gerne mit der Arbeit. Letzte Woche war ich in Frankreich, mit jungen Tänzerinnen aus Nizza und einigen der älteren Tänzerinnen aus Halle. Das Projekt hieß Mon corps, mon histoire (Mein Körper, meine Geschichte). Die Begegnung zwischen den Zwanzigjährigen und den Sechzig- bis Achtzigjährigen – das war wirklich voller Kraft.

Inzwischen reise ich manchmal aber auch einfach so, ohne Arbeit. Ich habe einen kleinen umgebauten Bus, in dem ich schlafen kann. Das macht auch viel Spaß. Das ist Freiheit.

Vielen Dank!

Be van Vark

ist eine Berliner Choreografin. Sie ist Vorsitzende und künstlerische Leiterin des Vereins Tänzer*ohne Grenzen e.V., arbeitet international und entwickelt partizipative, groß angelegte Projekte.

bevanvark.wordpress.com

Jens Wazel

ist Fotograf und Videofilmer. Im Osten aufgewachsen, wohnt er nach 25 Jahren in den USA wieder in Berlin und hat selbst jahrelang Erfahrung als Performer und Tanzlehrer.

www.jenswazelphotography.com