Politik Portrait

Michael Müller – Reden statt Rechthaben

Früher war Michael Müller selbst auf den politischen Bühnen unterwegs, inzwischen bietet er politischen Diskursen eine Bühne. In seiner „Setzerei” versucht er, Menschen wieder miteinander ins Gespräch zu bringen und einer zunehmenden politischen Dauererregung entgegenzuwirken.

Michael Müller und die Suche nach einer anderen Gesprächskultur

Text: Silke Schuster
Fotos: © Pavol Putnoki

Termine im Viertelstundentakt und Pressekonferenzen gehören für Michael Müller zur Vergangenheit, nicht jedoch sein Interesse und Engagement für gesellschaftlich-politische Themen. Zwischen alten Setzkästen und inspiriert von der Tradition des Buchdrucks steht Die Setzerei symbolisch für den kreativen Prozess des Zusammensetzens: Hier werden Gedanken, Ideen und Konzepte angeordnet und zu einem wirksamen Ganzen zusammengesetzt. Mit Blick auf Michael Müllers familiäre Wurzeln und seine politische Laufbahn wirkt Die Setzerei als schlüssige Konsequenz seines Handelns. Denn einerseits stammt er aus einer Druckerfamilie, andererseits steht er für die Überzeugung, dass Politik vor allem aus Zuhören, Vermitteln und kontinuierlicher Arbeit besteht.

Der stille, starke Arbeiter

Michael Müller war nie der Typ Politiker, der mit großen Gesten arbeitet und politische Aufmerksamkeit über Lautstärke erzeugt. Während andere durch Zuspitzung oder mediale Inszenierung auffallen, galt er vielen als ruhiger Arbeiter im Hintergrund.

Sein Lebensweg begann weit entfernt von den politischen Machtzentren, in denen er später arbeiten sollte. Großvater und Vater arbeiteten als Schriftsetzer, ein Handwerk, das Präzision und Disziplin verlangt. Nach seiner Ausbildung zum Bürokaufmann bei einem kleinen Metallbetrieb am Halensee entschied er sich zunächst bewusst für die Mitarbeit im Familienbetrieb. Fünfzehn Jahre arbeitete er in der Druckerei seines Vaters, teilweise noch gemeinsam mit dem Großvater. Selbst als er 1996 bereits Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses war, stand er weiterhin im Betrieb. Erst 2001, als er SPD-Fraktionsvorsitzender wurde, gab er die tägliche Arbeit dort auf. Das Gewerbe selbst meldete er sogar erst 2011 ab, als er Senator wurde. „Als Regierungsmitglied finde ich, ist es nicht gut, dann noch nebenbei irgendwo rumzuspringen”, sagt er rückblickend.

Diese biografische Bodenständigkeit erklärt womöglich auch, warum Michael Müller in seiner politischen Laufbahn oft weniger als Visionär wahrgenommen wurde, sondern vielmehr als pragmatischer Organisator.

Regierender Bürgermeister in einer rastlosen Stadt

Michael Müller regierte Berlin sieben Jahre lang, und diese Jahre waren geprägt von Krisen, die weit über die Landespolitik hinausreichten. Als er 2014 das Amt des Regierenden Bürgermeisters von Klaus Wowereit übernahm, befand sich Berlin in einer Phase tiefgreifender Veränderungen. Die Stadt wuchs rasant, internationale Investoren entdeckten die Hauptstadt, Wohnraum wurde knapper, gesellschaftliche Konflikte sichtbarer. Gleichzeitig begann sich auch die politische Debattenkultur grundlegend zu verändern.

Die Aufnahme Geflüchteter 2015 stellte Verwaltung und Politik vor enorme Herausforderungen, der Anschlag auf dem Breitscheidplatz erschütterte die Stadt tief, wenig später legte die Coronapandemie das öffentliche Leben lahm. Gerade über den Terroranschlag vom 19. Dezember 2016 spricht der Politiker noch heute mit spürbarer Betroffenheit. Er sei damals zufällig in der Nähe gewesen und sehr schnell am Breitscheidplatz eingetroffen. „Es war praktisch wenige Minuten nach dem Anschlag”, erinnert er sich. Die Bilder der Verletzten, die Gespräche mit Angela Merkel vor Ort und die Erfahrung dieser Nacht haben sich dauerhaft eingeprägt.

Auch die Pandemie beschreibt er weniger als abstrakte politische Krise, sondern vor allem als emotionalen Ausnahmezustand für die Stadt selbst. Ein Regierender Bürgermeister wolle gestalten, Veranstaltungen eröffnen und Menschen zusammenbringen. Stattdessen ist plötzlich alles still: kein Theaterstück, keine Messe, keine Berlinbesucher. „Ich habe noch das Bild vor meinem inneren Auge, wie meine Freundin und ich ganz allein auf dem Ku’damm auf der Straße gesessen und Eis gegessen haben. Es kam kein einziges Auto”, erinnert er sich.

Die politischen Positionswechsel haben auch einen Wechsel in den Arbeitsweisen mit sich gebracht: „In Berlin ist man im Roten Rathaus die Nummer eins. Man hat 200 Mitarbeiter, die kümmern sich den ganzen Tag darum, dass alles gut läuft. Im Bundestag ist man einer von vielen mit vier Mitarbeitenden und muss alles selbst machen. Das ist schon eine Umstellung, aber auch eine, die Spaß macht.”

Politik im Zeitalter der Dauererregung

Michael Müller registriert, wie sehr sich politische Kommunikation verändert hat. Für ihn ist Politik lauter geworden – aggressiver im Ton, schneller in den Reaktionen, stärker getrieben von sozialen Medien und begleitet von öffentlicher Dauererregung. Als Gründe nennt er mehrere Entwicklungen gleichzeitig: den Wechsel von Bonn nach Berlin, die Dynamik sozialer Medien und eine neue Politikergeneration, die unter völlig anderen medialen Bedingungen groß geworden ist. „Alles, was wir auf Social Media sehen, lebt von Schnelligkeit und Aufmerksamkeit”, sagt er. Dadurch gehe häufig jene Diskussionskultur verloren, die Politik eigentlich brauche.

Politisch blickt Michael Müller heute differenzierter und zugleich distanzierter auf viele Entwicklungen. Die Krise der SPD betrachtet er mit Sorge. „Wer sich bei zwölf Prozent keine Sorgen macht, der ist in der Partei falsch”, sagt er offen. Gleichzeitig vermeidet er einfache Schuldzuweisungen. Sein Eindruck sei vielmehr, dass Parteien häufig Positionen vertreten, die nachvollziehbar wirken, diese aber im politischen Alltag nicht glaubwürdig genug verkörpern. Die Konsequenz: Vertrauensverlust.

Auffällig ist, wie wenig verbittert das ehemalige Bundestagsmitglied trotz mancher Enttäuschungen wirkt. Er gibt zu, dass es ihn getroffen hat, nach seiner Zeit im Bundestag keine weitere Legislaturperiode erhalten zu haben, obwohl er sich das gewünscht hätte: „Ich hätte gerne noch mal eine Legislatur gemacht wegen meiner außenpolitischen Themen. Das habe ich auch so gesagt, doch die Berliner SPD hat anders entschieden. Das hat durchaus wehgetan.” Dennoch schwingt in seiner Aussage weniger Groll als vielmehr Bedauern mit. Überhaupt scheint er politische Entwicklungen eher analytisch als emotional zu betrachten. Selbst wenn er über frühere Politikergenerationen wie Helmut Schmidt oder Egon Bahr spricht, verfällt er nicht in nostalgische Verklärung. Er verweist darauf, dass diese Generation durch Kriegserfahrungen geprägt war und daraus eine besondere Ernsthaftigkeit entwickelte. Gleichzeitig warnt er davor, heutige Politiker pauschal abzuwerten.

Während seiner Zeit als Regierender entdeckte er seine Leidenschaft für die Außenpolitik. Seinerzeit gab es 17 internationale Städtepartnerschaften. Das Entfachen des außenpolitischen Funkens erklärt er so: „Wir haben gute und viele intensive Kontakte, auch gerade nach Peking, Tokio, Los Angeles, Buenos Aires. Dann war ich in meiner Zeit als Regierender Metropolis-Präsident. Das ist ein Städtenetzwerk von 140 Haupt- und Millionenstädten, die sich zusammenschließen. Im Bundestag habe ich mich auch für den Auswärtigen Ausschuss beworben. Ich bin dann Berichterstatter für China, Japan, Korea und den Nahen Osten geworden, riesige Regionen. Das war wahnsinnig spannend, und deswegen mache ich das auch gern weiter.”

Angesichts der heutigen „Dauererregung” würde Michael Müller dennoch jederzeit wieder auf kommunaler Ebene in die Politik einsteigen. Sein Credo: „Man lernt ja auch, damit umzugehen. Es stimmt, dass es härter geworden ist. Ich würde heute stärker darauf achten, mein Privatleben und mein politisches Engagement zu trennen, um meine Familie rauszuhalten. Aber ich würde mich jederzeit wieder aktiv in die Politik einbringen. Denn wenn man selbst nicht aktiv wird, überlässt man es den anderen. Und das will ich nicht.” Als er als Sachverständiger in die Enquete-Kommission „Corona” im Bundestag berufen wurde, gingen am Folgetag direkt die Beschimpfungen auf Social Media los. Zuvor war es leiser geworden, sobald er nicht mehr Regierender war.

Die Setzerei: Gegenmodell zur politischen Empörung

Dass ein ehemaliger Regierender Bürgermeister heute Stuhlreihen aufbaut, politische Diskussionen moderiert und Kulturabende organisiert, mag auf den ersten Blick wie ein Rückzug aus der großen Politik wirken. Tatsächlich setzt Michael Müller seine politische Arbeit heute einfach auf andere Weise fort – kleiner, persönlicher und näher an den Menschen, als es im Regierungsalltag jemals möglich gewesen wäre.

So mutet Die Setzerei wie ein Gegenentwurf zur gegenwärtigen politischen Öffentlichkeit. Der Name selbst ist dabei bewusst doppeldeutig. Die alten Setzkästen erinnern an die Herkunft seiner Familie, gleichzeitig geht es darum, dass Menschen sich zusammensetzen und mit Themen auseinandersetzen. „Hier diskutieren wir in einem geschützten Raum miteinander. Hier begegnen wir uns ohne TikTok und Instagram”, beschreibt er das Konzept.

Michel Müller im Gespräch mit Markus Beeth

Politische Entwicklungen werden auch hier nicht auf einfache Erzählungen reduziert. Es geht nicht darum, schnelle Antworten zu produzieren oder politische Lager zu bedienen. Stattdessen versucht Michael Müller, einen Raum zu schaffen, in dem unterschiedliche Perspektiven nebeneinander bestehen können.

Die Veranstaltungen reichen inzwischen weit über klassische politische Diskussionen hinaus. Neben außenpolitischen Gesprächsabenden finden Lesungen, Theaterprojekte und Ausstellungen statt. So widmete sich eine Ausstellung Egon Bahr, dem Architekten der Ostpolitik, demnächst werden Texte von Kurt Tucholsky über Frieden und Abrüstung gelesen. Zwar interessiert sich Michael Müller weiterhin besonders für politische und außenpolitische Themen, doch gleichzeitig versucht er bewusst, das Programm kulturell breiter aufzustellen. Grundsätzlich gibt es keine feste Voraussetzung: „Das Thema muss mich interessieren”, erklärt er. „Wenn ich das Gefühl habe, es besteht auch bei anderen Leuten Interesse und Resonanz, kann man verabreden, hier etwas zusammen zu machen.” Bei einer kompletten Bestuhlung finden in der Setzerei etwa 70 Menschen Platz.

Bemerkenswert ist dabei, dass Die Setzerei offenbar genau jene Gesprächskultur hervorbringt, die Michael Müller im öffentlichen politischen Raum zunehmend vermisst. Trotz kontroverser Themen wie Migration, Friedenspolitik oder Nahostkonflikt habe es bislang keine einzige Veranstaltung gegeben, die eskaliert sei. Niemand habe gepöbelt oder versucht, Diskussionen zu dominieren: „Die, die hierherkommen wollen, wollen ernsthaft reden”, so der SPDler. „Wir hatten nicht einmal eine Situation, in der etwas schiefgegangen ist oder in der gepöbelt wurde.”

Dabei kommen längst nicht nur SPD-Mitglieder oder klassische Politikinteressierte. Viele Besuchende sind Menschen aus der Nachbarschaft, die Veranstaltungen zufällig entdecken oder gezielt den persönlichen Austausch suchen. Gerade diese Offenheit scheint Michael Müller wichtig zu sein, denn Die Setzerei versteht sich ausdrücklich nicht als parteipolitischer Ort, sondern als eine Plattform für Begegnung.

Engagement über den Job hinaus

Auch nach seiner aktiven Zeit als Regierungschef blieb Michael Müller gesellschaftlich engagiert. Einfach aufzuhören, war für ihn unvorstellbar: „Es war mein Horror, ohne eine Aufgabe zu Hause rumzusitzen. Ich gehe zum Sport, ich habe eine Familie, ich lese gern. Aber wer so lange aktiv war, kann nicht von 100 auf null auf einmal sagen: Das war’s. Ich liebe Berlin, und ich will auch weiter etwas für die Stadt tun.”

Sichtbar wird sein Einsatz auch in seinem Ehrenamt als Präsident des Arbeiter-Samariter-Bunds Berlin. Hinzu kommt der auf Anregung seiner Kinder initiierte Michael Müller hilft Award – ein Preis, mit dem er ehrenamtliches Engagement würdigen möchte. Im ersten Jahr standen Menschen im Mittelpunkt, die sich für schwerstkranke Kinder und deren Familien einsetzen. Künftig könnte der Fokus stärker auf Integration oder Sportvereinen liegen, wo gesellschaftlicher Zusammenhalt oft direkt gelebt wird.■

Infobox

Michael Müller:
Dialog als politische Praxis

Michael Müller
Ehemaliger Regierender Bürgermeister Berlins, Mitglied des Deutschen Bundestages, Gründer von Die Setzerei

www.die-setzerei.de

Michael Müller, Porträt Infobox

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