Was viele bewusst meiden, macht ihm gerade Spaß: Der passionierte Ausdauersportler Ludwig Reicherstorfer läuft gerne mitten durch Berlin und macht regelmäßig seinen Arbeitsweg zur Trainingseinheit.


Morgens, 6:30 Uhr, mitten in Pankow.
Der Ortsteil brummelt schon geschäftig, wenn auch noch nicht ganz auf Großstadtbetriebstemperatur. Ludwig Reicherstorfer kommt aus der Tür seines heimischen Wohnblocks und rennt los. Wie fast jeden Tag, jede Woche, jeden Monat, rund ums Jahr. Der Ausdauersportler trainiert viel und zielstrebig – und er liebt es, dabei mitten durch die Großstadt zu laufen.

Morgens läuft er in der Regel im Park oder im nördlicheren Teil von Pankow. Abends läuft er gerne auf belebten Bürgersteigen, neben pedalierenden, motorisierten und elektrisierten Verkehrsteilnehmern, voll durch das Gewimmel, mal Hauptstrecke, mal Schleichweg, mal zickzack, mal schnurstracks. Und nicht selten von seinem Arbeitsplatz nahe des Alex‘ zurück nach Hause, quer durch ein bisschen Friedrichshain, etwas mehr Prenzlberg, rein ins Verkehrsstakkato der Großstadt und das alles im Lauftempo – für Ludwig das reine Vergnügen.

Der Stadtläufer, Jahrgang 1980, geborener Münchener und seit fünf Jahren Wahlberliner, ist ein Kind der Großstadt, sie ist für ihn das angestammte Biotop. Er schöpft Kraft aus der Bewegungsenergie Berlins und genießt kommunikative Momente mit seinen Bewohner/innen. Verrückt, oder?

Wie bist Du denn zum Laufen gekommen?

Ludwig Reicherstorfer: Ich war in der Schule wahnsinnig schlecht in Sport, und bei einem Klassenfoto sah ich mich und dachte: Das geht so nicht. Ich war total unfit. Als Kind der 80er machte ich mir keine Gedanken über Ernährung und kaum Sport. Ein bisschen interessierte ich mich für Fußball, ab und zu spielte ich Tennis, mehr nicht. Das heißt, als ich aufs Gymnasium kam, war ich ein dickes Kind und hatte eine schlechte Sportnote; das war 1991.

Daraufhin tat ich mich mit meinem Cousin zusammen und wir trainierten für den Münchener Mini-Marathon. Wir begannen zu laufen und ich merkte relativ schnell, dass das auch was bringt. Ich war fitter geworden und meine Sportnote verbesserte sich. Leider hielt ich es damals nicht durch.

Auch während meines Studiums – Linguistik und englische Literaturwissenschaft – machte ich viel zu wenig Sport, das ging bis zu meinem Einstieg ins Berufsleben so. Da hat sich das mit dem Foto von mir wiederholt, aber diesmal war es ein Trigger-Moment. Ich fing erneut mit dem Laufen an. Aber ich musste mir auch wieder einen Wettbewerb aussuchen, damit ich eine Motivation hatte, tatsächlich dranzubleiben. So meldete ich mich für den Münchener Stadtlauf 2004 an, da war ich 23.

Bei den Vorbereitungen dafür fand ich richtig Spaß daran, und ich wurde von mal zu mal besser und fitter. Wobei man wohl auch ein bisschen der Typ dafür sein muss, und das bin ich offenbar. Im Lauf kam ich gut durch, und so machte ich weiter, meldete mich jährlich für den Stadtlauf in München an – 2004, 2005, 2006 und so weiter – das war mein Saisonhöhepunkt und Ziel, auf das ich hintrainierte.

Nun bist Du schon lange ein Lauf-Enthusiast. Kommt man da automatisch dahin, Streckenlängen zu steigern?

Bei mir war es so. Ich bin relativ häufig die Halbmarathons gelaufen und mir wurde klar, dass ich ein gutes Niveau erreicht hatte – und dass etwas Neues kommen musste. Also absolvierte ich 2012 meinen ersten Marathon, auch in München.

Weil ich aber alles, was ich mache, auch richtig machen will, musste ich dafür noch gezielter trainieren, wenn auch komplett in Eigenregie: Ich bin einfach mehr und länger gelaufen; Trainingslehre war für mich ein Fremdwort. Der Marathon lief dennoch ziemlich gut, hat mir Spaß gemacht. Folgerichtig war das nächste Ziel klar, nämlich den Marathon erneut, aber schneller zu laufen.

Warum war das klar?

(Lacht) So schön es ist, einfach so und meditativ zu laufen, ich brauch einfach etwas, worauf ich hinarbeiten kann. Du verbesserst Dich selbst, Du hast sozusagen eine Entwicklung; ich brauche diesen Leistungsgedanken. Und zwar gar nicht so sehr im Wettbewerb mit anderen, sondern auf mich selbst bezogen.

Momentan bin ich dabei, auf die Ultradistanz zu wechseln. Noch länger als Marathon. Im Grunde, weil ich auch beim Marathon an einem Punkt angekommen bin, wo ich nicht weiß, wieviel noch geht. Zudem entdeckte ich die Liebe zu langen, nicht so schnellen Läufen. Das ist die nächste Herausforderung in meinem Läuferleben.

Du nutzt Deinen Arbeitsweg häufig als Trainingseinheit. Warum?

Ginge es allein nach dem Trainingsplan, müsste das nicht sein. Ich trainiere eigentlich immer morgens und das lässt sich Gott sei dank mit meiner Arbeit sehr gut kombinieren. Meistens starte ich so um halb Sieben und dann sind es rund eineinhalb Stunden. Im Anschluss geht es nach Hause, frühstücken und dann ab zur Arbeit.

So eine Abendeinheit nach dem Büro ist aber wertvoll, weil ich die meistens sehr langsam laufe und die langsamen Läufe sind wichtig. Ich verbinde im Prinzip den Nachhauseweg mit Training, weil sich die Strecke sehr gut eignet. Wenn ich die große Runde wähle, sind es zwischen 10 und 12 Kilometer. Ich höre beim Laufen Musik oder Podcasts und kann dabei einfach gut abschalten.

Und wie sind diese City-Strecken so für den Laufgenuss?

Es gibt da schöne Abschnitte entlang der großen Straßen, am Krankenhaus vorbei und dann Richtung Volkspark Prenzlauer Berg, es finden sich immer gute Pfade. Anstrengend wird es manchmal, wenn der Bürgersteig zu voll ist oder man sich mit den Rädern auseinandersetzen muss, die in Berlin leider nur selten auf Radwegen unterwegs sind. Da ist der Platz manchmal sehr eng. Das hält dann schon auf, wenn man ständig ausweichen muss oder ausgebremst wird.

Durch die Stadt laufen bringt doch zwangsläufig noch mehr Hürden mit sich. Sind Ampeln, Verkehrsströme nicht schlecht für den Rhythmus?

Nur wenig. Ich laufe zwar grundsätzlich nicht bei roten Ampeln weiter, auch wenn keine Kinder zu sehen sind. Aber ich quere Straßen oft mit dem Verkehr, dort, wo es dann keine Ampeln gibt, wenn sich Lücken ergeben, das bringt mich eher selten raus. Und wenn man deswegen einen kleinen Umweg machen muss, soll das schließlich nicht schaden.

Diese Läufe vom Büro nach Hause sind ja auch keine harten Trainingsläufe mit strengen Vorgaben, wo es auf Sekunden ankommt. Abends gehe ich das langsam und locker an. Wenn man mal stoppen muss an einer Ampel, dann ist das nicht schön, aber OK.

Die Innenstadt ist stark von Abgasen und Feinstaub belastet. Stellt sich Dir nicht die Frage, ob das Stadtlaufen wirklich gesund ist?

Nein, weil ich die Stadt liebe, wie sie ist. Ich bin ein Großstadtkind, in München groß geworden, habe mit meinen Eltern am Mittleren Ring gewohnt, also einer der belastetsten Feinstaubstraßen Deutschlands. Ich bin das gewohnt, denke ich. Mein Immunsystem ist robust, ich achte auf gesunde Ernährung, wahrscheinlich sind meine biologischen Filter gut gerüstet.

So oder so, mit dem Stadtlaufen aufzuhören oder gar aus der Stadt rauszuziehen, um nur noch im Grünen zu laufen, ist für mich keine Alternative, dieser Preis wäre mir zu hoch. Das heißt aber nicht, dass ich gegen weniger Autos bin. Im Gegenteil. Als Läufer/in spricht man sich ja nicht nur für die Alternative zum Auto aus, man IST die Alternative.

Aber ich mag einfach dieses Flair belebter Innenstädte, dieses vielfältige Treiben ist für mich Leben. Und beim Laufen werde ich sozusagen eins mit der Stadt und verschmelze mit ihr. Und ganz nebenbei: Berlin ist auch deshalb meine Lieblingsstadt und Wahlheimat, weil sie so unglaublich grün ist. Natürlich liebe ich aber auch die Läufe in der Natur oder im Stadtpark, zum Beispiel im Schlosspark Niederschönhausen bei uns in Pankow. Auch nach Norden raus, da kommen viele Waldstücke, Trails, Wiesen und Felder und das schätze ich sehr – ein unverzichtbares Stück Berliner Lebensqualität.

Bei den Stadtläufen dagegen sammle ich viele sehr unterschiedliche Eindrücke; ich gucke sehr aufmerksam und versuche, Bilder einzufangen. Mal eine schöne Hausfassade oder nette kleine Läden. Man entdeckt immer wieder etwas Neues. Zum Beispiel faszinieren mich in Prenzlauer Berg diese vielen alten Gebäude und auch die vielen großen Bäume, die jetzt im Sommer in satten Farben erstrahlen und im Herbst herrlich bunt werden, das sind tolle Impressionen.

Ich bin im Winter 2013 nach Berlin gekommen, da war es ziemlich kalt und grau. Doch als dann im Frühling die Wärme kam, war die ganze Stadt plötzlich wie verwandelt, blühte auf und erwachte. Die Stadt zeigte unverblümt, was sie hat. Das war anders als in München. München wirkt sehr akkurat. Berlin wirkt da unperfekter – im positivsten Sinne.

Ich liebe es auch, die Stadt laufend zu erkunden, also einfach drauf los zu laufen, immer wieder neue Wege und Verbindungen auszuprobieren. Das geht vor allem Sonntagmorgens sehr gut, weil da wenig los ist, man durch nichts gestört wird.

Hast Du auf dieser Strecke vom Alex nach Pankow Lieblingsstellen und eher ungeliebte Passagen?

Naja, das Stück von der Torstraße zum Volkspark, da muss ich zwei große Straßen überqueren, die man nicht umgehen kann, das nervt schon etwas. Wenn ich da im Feierabendverkehr lang laufe, dann habe ich kaum Chancen, da gut rüber zu kommen. Das schöne Stück beginnt eigentlich erst am Märchenbrunnen, dann kommen reizvolle Straßenzüge. Auch der Übergang von Volkspark Prenzlauer Berg nach Pankow, die Ostseestraße entlang, ist attraktiv. Manches sieht wie wild gewachsen aus, sich selbst überlassen, das hat man ja oft in Berlin. Ich mag das sehr, diese Stadtwildnis, dieses Ungeschönte und dadurch erst Interessante. Dann kommen die Straßenzüge mit Plattenbauten und Freiflächen, das bringt wieder neue Ansichten.

Und wie nimmst Du Deine Arbeitssachen mit zurück beim Laufen?

Da brauche ich ja nicht viel, ein T-Shirt oder ein Hemd, eine Hose, das passt gut in einen kleinen, leichten Rucksack, mit dem laufe ich dann. Das mache ich ja auch nicht jeden Tag, eher ein-, zweimal die Woche.

Würdest Du anderen Menschen auch zu Stadtläufen raten?

Ja, aus ganz viele Gründen. Du erlebst Deine Stadt auf neue Art und kannst  ganz andere Facetten und Begebenheiten wahrnehmen. Zudem kann man auf diese Weise seinen Alltag entschleunigen. Das mag jetzt ein bisschen paradox klingen, aber Laufen verlangsamt, nimmt Hektik raus. Beim Laufen ist man – ich zumindest – nicht erreichbar, ich nehme das auch als Zeit zum Abschalten und Nachdenken. Laufen ist Meditation. Und dafür braucht es nicht viel, das ist das Schöne daran: Schuhe und Laufsachen anziehen, raus gehen und los.

Wenn Du mit Kopfhörer läufst, bist Du von der Außenwelt abgeschlossen, da könnte man meinen, die Stadt ist für Dich nur Kulisse Deines Films …

Ein bisschen schon, ja. Als Läufer ist man für sich, ist man einsam, gerade bei Strecken von 10 Kilometern oder mehr. Das muss man mögen und ich mag es sehr. Und doch gibt es auch hin und wieder diese Begegnungen, man tauscht Blicke aus, lächelt sich an, grüßt sich. Und sobald man bestimmte Strecken immer wieder läuft, zu ähnlichen Zeiten, dann trifft man auch mal dieselben Personen, auch daraus entwickelt sich eine gewisse Kommunikation.

Einmal hatte ich einen magischen Moment, das war im Winter, da bin ich an einem Sonntagmorgen bei Dunkelheit die Kastanienallee runter gelaufen, Richtung Rosenthaler Platz. Das war 6:00 Uhr früh und es war wirklich niemand auf der Straße. Aber in diesem einem Café brannte Licht und es kamen gerade Leute raus, die waren alle relativ betrunken. Ich bin in meinem Laufklamotten an denen vorbei und da sind zwei Welten aufeinander gestoßen. Aber die haben mich freundlich gegrüßt und ich hab ihnen vergnügt zugewunken, das war phantastisch. So was erlebst du auch nicht, wenn Du irgendwo auf dem Land läufst. Das hat sich mir eingebrannt.

Gab es auch unangenehme Situationen, die Du als typisch für Berlin sehen würdest?

Was mich jedes Mal von Neuem sehr betrübt und leider sieht man das in Berlin besonders häufig: Ich begegne auf meinen Läufen immer wieder Obdachlosen, die unter Brücken oder auf Parkbänken leben. Das gibt mir jedes Mal einen kleinen Stich.

Bist Du beim Laufen schon mal angepöbelt worden, hast Du mal Aggressivität gegenüber Bürgersteigläufern wie Dich gespürt?

Nein, bisher habe ich da noch keine schlechte Erfahrung gemacht. Skurrile Situationen gab es allerdings schon. Wenn man zum Beispiel am Sonntagmorgen am RAW-Gelände oder über die Warschauer Brücke läuft, glaubt man, in einer anderen Welt zu sein, und man muss sich seinen Weg zwischen wankenden Menschen und Glasscherben bahnen. Da ist nicht jeder Anblick schön … Und ich gebe auch zu, dass ein unfreundlicher Blick eher von mir kommt, wenn der eine oder die andere Radfahrer/in partout nicht versteht, dass man sich Wege auch mal teilen muss und nicht das Recht des oder der Stärkeren gilt – vor allem nicht auf Fußwegen.

Wieso macht Deine Familie Deine Laufleidenschaft eigentlich mit?

Das frage ich mich ehrlich gesagt auch manchmal. Wahrscheinlich weil diese Familie einfach großartig ist (lacht). Diskussionen gab es natürlich schon, aber handfesten Streit nicht. Das hat aber weniger mit dem Training zu tun, denn das versuche ich außerhalb der Familienzeit zu legen und das klappt ganz gut. Problematischer ist es, wenn es um die Wettkampfplanung geht. Die Rennen sind letztendlich die größten „Zeitfresser“.

Ausdauersport kann krankhaft süchtig machen – hast Du diese erwiesene Erkenntnis schon mal auf Dich selbst gespiegelt?

Ja, ich glaube schon, dass man da eine Sucht entwickeln kann – sofern Sucht bedeutet, dass man sich schlecht fühlt, wenn man auf etwas verzichten muss. Mir ist der Begriff in diesem Zusammenhang aber eindeutig zu negativ. Ich würde es vielmehr als bedingungslose Liebe bezeichnen. Wenn ich nicht laufen kann, habe ich keine Entzugserscheinungen, sondern Liebeskummer! 😉

Ludwig Reicherstorfer arbeitet als Kommunikationschef bei einem Berliner Think Tank, für den auch der Autor dieses Beitrags in freier Mitarbeit immer wieder mal tätig ist. Dabei lernte er Ludwig kennen.

 

von Henry Steinhau

erschienen in mein/4, September 2018